Süddeutsche Zeitung

Aggressionen im Job:Lass es raus, Kollege!

Wenn mal wieder alle Kollegen nerven und der neue Chef meint, er könne alles besser, dann nehmen Arbeitnehmer ihre Aggressionen gerne mit nach Hause. Dabei könnten sie sie auch im Büro ausleben - und dabei noch Karriere machen.

Maria Holzmüller

Es war doch alles so schön. Eben noch erledigten alle Mitarbeiter routinemäßig ihre Aufgaben, tranken nachmittags entspannt ihren Kaffee und gingen abends zeitig nach Hause. Jeder hatte seine Rolle gefunden und alles war friedlich. Und plötzlich steht dieser neue Chef vor der Tür - und nichts ist wie vorher.

In den Meetings melden sich Kollegen zu Wort, die bislang dort gar nicht erschienen sind, keiner will mehr der Erste sein, der nach Hause geht, und ein Projekt, das seit ewigen Zeiten Ihnen gehört, will plötzlich Ihr Kollege übernehmen. Das schafft Frust und Aggressionen.

Die können Angestellte entweder mit nach Hause schleppen und vor dem Fernseher mit einer Chips-Tüte in sich hineinfressen - oder sie können sie nutzen. Denn Aggressionen sind nichts anderes als Energie, mit der man die eigene Karriere vorantreiben kann - sagt Jens Weidner, Professor für Erziehungswissenschaften & Kriminologie an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Autor des Buches Die Peperoni-Strategie - So nutzen Sie Ihr Aggressionspotenzial konstruktiv.

"Natürlich wäre ein Arbeitsalltag ohne Aggressionen ideal: in einem angenehmen Team mit einer geklärten Hierarchie und klar abgestimmten Aufgaben", sagt er. Aber sobald ein neues Management oder ein neuer Chef kommt und es Umstrukturierungen gibt, "suchen die Mitarbeiter ihre neue Rolle, wollen ihre Karriere vorantreiben und sich positionieren. Es entsteht Unruhe."

Wenn der Kollege sich mal wieder in den Vordergrund drängt und fremde Verdienste als seine eigenen ausgibt, bringt es jedoch wenig, ihn zu kränken oder anzuschreien. "Das Beherrschen von Aggressionen ist wichtig. Am besten ist es, sie positiv zu nutzen, um seine Ideen durchzusetzen", sagt Weidner.

Mut zu Hauptsätzen

Damit das gelingt, muss eine Voraussetzung erfüllt sein: "Gerade in unruhigen Phasen ist es wichtig, sein Ziel zu kennen und seine Aggressionen dafür einzusetzen, dieses zu erreichen. Deshalb ist der erste Schritt: ein Ziel festlegen. Think big - kleiner kann es dann immer noch werden. Wer ein Ziel anstrebt, wird zielführend und beinahe automatisch durchsetzungsfähig", sagt Weidner.

Anstatt sich abends im Fitness-Studio an einem Boxsack abzureagieren, sollten Arbeitnehmer im nächsten Meeting ihre Aggressionen bündeln, um vehement für ihre Sache einzutreten und sich nicht kleinreden zu lassen. "Wer sich durchsetzen will, braucht Mut zu Hauptsätzen à la 'Ich erwarte, dass wir zielstrebiger vorgehen. Und deswegen will ich ...' Mit 'ich würde' und 'ich könnte' kommt man nicht weiter. Durchsetzungsfähigkeit und Uneindeutigkeit funktionieren schlecht zusammen", sagt Weidner. Also alle Wut zusammen nehmen und in eine laute kräftige Stimme fließen lassen.

Dass sie sich mit ihrem neu genutzten Aggressionspotential nicht nur Freunde machen, muss Arbeitnehmern allerdings klar sein. "Wenn sie sich durchsetzen wollen, dann heißt das, sie lehnen sich aus dem Fenster. Das ist immer auch mit Risiko verbunden. Dann muss man auch aushalten, dass manche Leute schrecklich finden, was man tut", sagt Weidner.

Machtspiele der Männer - für Frauen Zeitverschwendung

Gerade Frauen haben damit aber oftmals ein Problem, hat der Wissenschaftler beobachtet: "Frauen tendieren dazu, Aggressionen zu verdammen. Männer haben eher eine Aggressionskultur. Die drückt sich aus in ihren Machtspielchen und ihrem Faible für aggressiven Wettbewerb. Frauen sehen diese Machtspiele oft als Zeitverschwendung."

Frauen müssen umdenken - noch

Solange jedoch Männer in den Führungsetagen in der Mehrzahl seien, bliebe Frauen nichts anderes übrig, als diese Spiele zu spielen, meint der Professor. "Das hängt völlig davon ab, wer die Definitionsgewalt hat. Sollten irgendwann Frauen die Mehrzahl der Chefposten besetzen, werden diese Machtspiele ihre Bedeutung verlieren. Dann wird es ein riesiges Coaching-Angebot für Männer geben, die plötzlich umdenken müssen."

Menschen, die trotz aller versprochenen Vorteile Angst vor Konflikten haben oder sich scheuen, in Meetings laut das Wort zu ergreifen, sollten sich einen Partner suchen, der für sie ihre Ziele vorantreibt, sagt Weidner. Dass das funktioniert, weiß er aus Erfahrung: "Mir ist das am Anfang sehr schwer gefallen. Aber ich hatte einen Geschäftspartner, der sich für mich in die Auseinandersetzungen geworfen hat. Ich habe dafür die Aktenanalyse übernommen, die ihm ein Gräuel war, mir aber leicht fiel. Solche Partner und Netzwerke sind enorm wichtig, wenn man seine Ziele erreichen will. Der Einzelkämpfer ist ein Auslaufmodell. Wenn ich jemanden von meinen Zielen überzeugen will und er sieht, dass ich wichtige Leute in meinem Netzwerk habe, dann hat das auch Auswirkungen auf seine Entscheidung."

Trotzdem will man nicht jeden Kollegen in seinem Netzwerk haben - schon gar nicht die, die Aggressionen in einem auslösen. In diesen Fällen kommen Arbeitnehmer mit der zusätzlichen Energie nicht weiter, räumt Weidner ein: "Wenn mich Maier nervt, muss ich überlegen: Kriege ich Maier weg? Wenn nicht, versuche ich Maier aus dem Weg zu gehen."

Wer keine Ideen hat, soll die Klappe halten

Oftmals hätten Arbeitnehmer auch ein ethisches Problem mit Aggressionen: "Wir sehen sie als etwas Böses. Niemand möchte aber etwas Böses tun. Vielleicht sollten wir einfach die Bezeichnung ändern. Anstatt zu sagen: 'Ich möchte aggressiv auftreten' einfach 'Ich möchte mich für meine Träume engagieren.' Das findet dann wieder jeder positiv."

Allerdings warnt Weidner all jene, die sich einfach nur durchsetzen wollen, um der Macht willen: "Durchsetzungsfähigkeit als Selbstzweck bringt niemanden weiter. Wer keine Ideen hat, die er durchsetzen will, sollte sich zurückhalten." In diesem Fall bleibt der Boxsack im Fitness-Studio, um Aggressionen abzubauen.

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