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Ärzte lassen sich selten selbst behandeln:Operationen sind gut - für die anderen

Angst vor Komplikationen: Was Ärzte ihren Patienten empfehlen, lehnen sie selbst oftmals ab. Aber auch Juristen und ihre Angehörigen werden von den Medizinern anders behandelt - aus einem ganz bestimmten Grund.

Werner Bartens

Der Wegweiser muss nicht den Weg gehen, den er zeigt. Trotzdem ist es verblüffend, wie groß die Unterschiede zwischen dem sind, was Ärzte ihren Patienten empfehlen, und dem, was sie medizinisch für sich selbst in Anspruch nehmen. Gerade bei Operationen halten sich die doctores auffällig zurück.

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Sie operieren jeden Tag - selbst unters Messer legen sich Ärzte jedoch äußerst ungern. Auch Juristen behandeln sie anders.

Ob Leistenbrüche, Gallensteine oder künstliche Hüftgelenke - Mediziner zögern, wenn sie selbst unters Messer sollen und ihre Impfquote ist auch nicht besonders hoch. "Für was Ärzte sich entscheiden, hängt stark von ihrer Perspektive ab", sagt Gesundheitswissenschaftler Peter Ubel von der Duke University im amerikanischen Durham. "Für sie selbst gelten offenbar andere Kriterien als für ihre Patienten."

Ubel zeigt im Fachmagazin Archives of Internal Medicine von diesem Dienstag, dass Ärzte bei Therapieentscheidungen oft andere Schwerpunkte setzen. Hypothetisch vor die Wahl gestellt, billigen sie ihren Patienten bei Dickdarmkrebs die Behandlung mit den besseren Überlebenschancen zu, sich selbst hingegen die Therapie mit geringeren Nebenwirkungen und Komplikationen - auch wenn dabei theoretisch mehr Menschen sterben. "Wahrscheinlich spielen irrationale Erwägungen und Ängste vor Spätfolgen eher eine Rolle für die eigene Entscheidung - gilt der Rat hingegen anderen, werden die Prioritäten klarer gesetzt", vermuten die Autoren.

Der Schweizer Sozialmediziner Gianfranco Domenighetti hat in vielen Untersuchungen gezeigt, dass Ärzte und ihre Angehörigen seltener operiert werden als medizinische Laien. Erstaunlicherweise gilt dies auch für die Ehefrauen von Juristen. Ihnen wie auch Ärztinnen und den Gattinnen von Ärzten wurde nur halb so oft die Gebärmutter entfernt wie dem Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung. Die Gründe sind naheliegend: In Medizinerfamilien ist bekannt, dass etliche Operationen riskant und nicht unbedingt nötig sind. Und bei Juristen sind Ärzte zurückhaltender, weil sie mögliche Folgekosten fürchten.

"Ärzte wissen, dass manche medizinischen Eingriffe zu oft stattfinden, etwa die Aufdehnung der Herzkranzgefäße", sagt Max Geraedts, Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung an der Universität Witten-Herdecke. "Vermutlich sind sie dann für sich noch vorsichtiger als bei ihren Patienten." Das Misstrauen gegenüber den eigenen Kollegen und Zweifel an manchen Segnungen der Medizin sowie eine detaillierte Kenntnis der Nebenwirkungen mögen zusätzlich dazu beitragen, dass Ärzte auf Behandlungen verzichten. "Köche gehen auch seltener essen als der Durchschnitt - und wenn, dann dort, wo sie wissen, dass es gut ist", meint auch der medizinische Bildungsforscher Martin Fischer.

"Wir üben mit den Medizinstudenten, sich in die Patienten hineinzuversetzen und zu überlegen, was ihnen besonders wichtig ist", sagt Geraedts. Die Lebenssituationen, die Absicherung und die späteren Pflegebedingungen eines 60-jährigen Arztes und eines 60-jährigen Patienten können schließlich völlig unterschiedlich sein. "Da kann es sogar stimmig sein, wenn der Arzt für sich zu einer anderen Entscheidung kommt als für seine Patienten", so Geraedts.

Dass der Arzt seinen Patienten zu manchen Eingriffen rät, so wie der Metzger den Kunden eher Wurst als Käse empfehlen wird, sei verständlich, so der Medizindidaktiker Fischer. Patienten sollten ihrem Arzt daher immer, wenn sie unsicher sind, die Frage stellen, wie der Mediziner für sich oder seine Angehörigen entscheiden würde.

© SZ vom 12.04.2011/holz
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