Ärzte in Tschechien: Kündigungswelle Ab nach Deutschland

Wegen schlechter Bezahlung kündigen in Tschechien scharenweise Mediziner und drohen mit Auswanderung. Dem Gesundheitssystem dort droht der Kollaps, deutsche Kliniken freuen sich.

Von Klaus Brill

An den Krankenhäusern in Tschechien hat am Montag eine Welle von Kündigungen eingesetzt, die das Gesundheitswesen des Landes und damit auch die Patienten in große Bedrängnis bringen könnte. Hunderte vorwiegend junge Ärzte erklärten, sie wollten ihren Dienst quittieren. Sie folgten damit einem Aufruf ihrer Gewerkschaft, der Tschechischen Ärzte-Union, die mit den Massenkündigungen eine massive Erhöhung der Gehälter durchsetzen will. Unter dem Motto "Danke, wir gehen" drohen die Ärzte, nach Deutschland und in andere westeuropäische Länder abzuwandern, wo sie wesentlich besser bezahlt werden.

Tschechische Ärzte kündigen reihenweise, weil sie zu wenig verdienen. In Deutschland locken höhere Gehälter.

(Foto: dpa)

Der Vorgang erregt bereits seit Monaten in Tschechien und anderen mittel- und osteuropäischen Staaten großes Aufsehen, weil dort ein Massenexodus einheimischer Ärzte und Krankenschwestern im Gange ist. Sie werden von westlichen Krankenhäusern und Instituten umworben und mit höheren Gehältern sowie angenehmeren Arbeitsbedingungen gelockt.

Erst vor vier Wochen fand in Prag eine Jobmesse statt, bei der sich 32 Kliniken aus Deutschland und eine aus Österreich präsentierten. Sie boten den mehr als 5000 tschechischen Ärzten, die die Veranstaltung besuchten, Monatsgehälter zwischen 3700 und 4500 Euro an. Das ist etwa das Doppelte dessen, was heute im tschechischen Gesundheitswesen bezahlt wird. Nur dank einer Unzahl von Überstunden liegen tschechische Ärzte nach Angaben der zuständigen Behörden und Verbände bei etwa 50.000 Kronen (rund 2000 Euro) im Monat und damit etwa beim Doppelten eines tschechischen Durchschnittseinkommens. Die Tschechische Ärzte-Union fordert eine Anhebung der Grundgehälter auf umgerechnet 1400 Euro für Jungärzte und 2900 Euro für Doktoren mit abgeschlossener Ausbildung.

Der Bewegung "Danke, wir gehen" haben sich bisher mehr als 4100 der insgesamt 16.000 Krankenhausärzte angeschlossen. Die eintreffenden Kündigungsschreiben werden nach Angaben der Gewerkschaft zunächst gesammelt und dann zwischen Weihnachten und Neujahr im Paket bei den Arbeitgebern abgegeben. Die Reaktion der Regierung auf die Protestaktion wirkt bisher eher verlegen. Gesundheitsminister Leos Heger, ein früherer Krankenhausdirektor und Mitglied der konservativ-liberalen Partei TOP 09, erklärte, in der Staatskasse sei nicht genug Geld vorhanden, um die Forderungen der Ärzte zu erfüllen.

Er schlug vor, im Gesundheitswesen an anderer Stelle massiv zu kürzen, um zusätzliche Gelder für die Beschäftigten freizubekommen. Zugleich kündigte er seinen Rücktritt an, falls wirklich etwa 7000 der 16.000 Krankenhausärzte bis zum Jahresende die Kündigung einreichen sollten. In einem solchen Fall sei auch mit der Schließung kleinerer Krankenhäuser zu rechnen.

Die Auseinandersetzung erhält besondere Brisanz durch die ohnehin geplanten Einschnitte, die die im Sommer ins Amt gekommene konservativ-liberale Koalitionsregierung des Ministerpräsidenten Petr Necas zur Sanierung des Haushalts für nötig hält. Für die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst sollen die Einkommen um zehn Prozent gekürzt werden, allerdings sind die Beschäftigten des Gesundheitswesens davon ausgenommen. In anderen Branchen herrscht ebenfalls Unruhe.

Für den 8. Dezember hat der Gewerkschaftsdachverband einen eintägigen Streik ausgerufen. Nach Meinungsumfragen will sich aber weniger als ein Viertel der Beschäftigten beteiligen. Die Sanierung des Etats ist wegen früherer Schulden dringend nötig und war das wichtigste Versprechen der drei Parteien, die bei der Wahl Ende Mai gemeinsam die Mehrheit errungen hatten.

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