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Hausärzte:"Unsere Zeit ist knapp und wird immer weniger"

Pro Hausbesuch erhalten Ärzte laut Gebührenordnung 22 Euro sowie eine geringe Wegepauschale. Gerade auf dem Land ist das wenig attraktiv.

(Foto: Jochen Tack / Imago)

Ärzte sind verpflichtet, Hausbesuche zu machen. Weil sie aber immer seltener ausrücken, sollen jetzt Praxisassistenten einspringen. Ein System mit Zukunft?

Hörden, Hattorf, Rhumspringe, Gieboldehausen, Elbingerode: Rund um Herzberg am Harz gibt es viele Dörfer mit guter Luft, schönen Wanderwegen - und stark überalterter Bevölkerung. Etwa die Hälfte der Herzberger ist heute schon älter als 65, nach einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung wird dieser Anteil bis zum Jahr 2030 auf zwei Drittel steigen. Mit dem Durchschnittsalter steigt die Zahl der Gehbehinderten und Pflegebedürftigen, die den Weg zum Arzt nicht mehr schaffen.

Moritz Eckert, der seine Praxis in Herzberg 2017 übernommen hat, ist ständig auf Achse: "Jeden Montag- und Mittwochnachmittag bin ich bei Patienten in Altenheimen. Aber auch an den anderen Tagen mache ich Hausbesuche." Als Hausarzt versorgt Eckert Patienten in etwa zehn Kilometer Umkreis, als Experte für Palliativmedizin auch Schwerkranke in wesentlich größerer Entfernung.

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Pro Hausbesuch kann er 20 Minuten abrechnen: "Das kommt aber nur hin, wenn die Leute direkt nebeneinander wohnen." Sonst gehe deutlich mehr Zeit drauf. "Wegen der langen Fahrzeiten arbeite ich bis zu 60 Stunden pro Woche", sagt der Allgemeinmediziner. "Hier im Harz sind wir Ärzte arbeitsmäßig am Limit."

In ländlichen Gebieten praktizieren immer weniger Ärzte, während der Bedarf an Hausbesuchen aufgrund der demografischen Entwicklung steigt. In den Städten, wo die Menschen im Durchschnitt jünger, die Wege kürzer sind, gibt es viel mehr Ärzte. Trotzdem fällt es auch Medizinern in Großstädten nicht immer leicht, Hausbesuche mit dem Praxisalltag zu verbinden.

"Für vereinsamte Menschen ist der Hausarzt oft der einzige Ansprechpartner"

"Unsere Zeit ist knapp und wird immer weniger", sagt Hannes Blankenfeld aus München. "Ich mache Hausbesuche in der Mittagspause oder am Abend, sie sind immer eine zusätzliche Belastung." In Schwabing-West, wo Blankenfeld seit elf Jahren seine Praxis hat, gingen jetzt gleich drei Kollegen auf einmal ohne Nachfolger in den Ruhestand. Das liege nicht nur an den hohen Mietpreisen, glaubt Blankenfeld: "Wir Hausärzte arbeiten so viel, dass wir nicht mehr genug Nachwuchs finden, weil das nicht mehr jeder machen möchte."

Nach der Gebührenordnung erhalten Ärzte pro Hausbesuch etwa 22 Euro sowie eine geringe Wegepauschale. Patienten haben laut Bundesmantelvertrag zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) dann Anspruch auf einen Hausbesuch, wenn ihnen der Besuch der Praxis nicht möglich oder nicht zumutbar ist, etwa weil sie bettlägerig sind. Voraussetzung ist aber, dass sie bereits bei der Ärztin oder dem Arzt in Behandlung sind und dass tatsächlich eine medizinische Notwendigkeit für den Besuch besteht.

Letzteres sei eher bei chronischen als bei akuten Erkrankungen der Fall, meint Hannes Blankenfeld. Die meisten Hausbesuche macht auch er bei älteren Patienten, manche aus eigener Initiative: "Für vereinsamte Menschen ist der Hausarzt oft der einzige Ansprechpartner. Viele sagen in der Sprechstunde nichts von ihren Problemen, und ich möchte mir dann mal anschauen, wie sie zurechtkommen."

In Akutfällen telefoniert Blankenfeld immer zunächst mit den Erkrankten oder deren Angehörigen, um die Lage einzuschätzen: "Wenn es sehr ernst klingt, alarmiere ich den Notarzt oder den Rettungsdienst. Ein grippaler Infekt oder Durchfall müssen in der Regel nicht sofort behandelt werden." Ein Hausbesuch könne allenfalls geboten sein, um etwa eine Lungenentzündung auszuschließen.

Hausärzte beklagen eine zunehmende Anspruchshaltung bei ihren Patienten

Blankenfeld findet es ärgerlich, dass immer mehr Patienten wegen Bagatellen einen Besuch einforderten: "Da hat jemand seit drei Wochen Kopfschmerzen und möchte deshalb jetzt sofort zu Hause untersucht werden." Auch der Landarzt Moritz Eckert kritisiert "eine zunehmende Prime-Mentalität, wo nichts abgewartet werden kann".

Auch an dieser Einstellung könnte es liegen, wenn bei Krankenkassen und Patientenvertretungen immer wieder Klagen über verweigerte Hausbesuche eingehen. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ist die Zahl der ärztlichen Hausbesuche zwar von 30,6 Millionen im Jahr 2009 auf rund 25 Millionen 2018 zurückgegangen.

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Diese Statistik ist allerdings nur bedingt aussagekräftig: Hausbesuche, die im Rahmen der 2008 eingeführten "Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung" stattfinden, werden darin nicht gezählt, weil sie nicht über die Kassenärztlichen Vereinigungen abgerechnet werden. Bundesweit haben schon mehr als fünf Millionen Versicherte einen solchen Vertrag mit ihren Ärzten abgeschlossen. Im bevölkerungsreichen Baden-Württemberg ist das Modell besonders weit verbreitet, mehr als die Hälfte der Hausärzte nimmt daran teil. Für Patienten, mit denen sie einen Vertrag haben, erhalten sie Pauschalen, deshalb werden Hausbesuche gar nicht mehr einzeln abgerechnet.

Nach einer Umfrage des GKV-Spitzenverbands vom vergangenen Jahr machen nach wie vor 93 Prozent der Hausärzte bei gesetzlich Versicherten Hausbesuche, im Durchschnitt wenden sie dafür sechs Stunden pro Woche auf. Auch 40 Prozent der befragten Kinder- und HNO-Ärzte sowie etwa ein Viertel der Augenärzte und Gynäkologen kommen im Bedarfsfall zu ihren Patienten, brauchen dafür aber nur anderthalb Stunden wöchentlich.

Manche Fachangestellte übernehmen die Hälfte der Hausbesuche einer Praxis

Die wachsende Zahl von älteren Menschen in Heimen hat zur Folge, dass sogar Zahnärzte vermehrt Hausbesuche machen, die sie seit 2018 nach der Gebührenordnung abrechnen können. Bundesweit wurden schon 4300 Versorgungsverträge zwischen Zahnärzten und Heimen abgeschlossen. Mangels technischer Ausrüstung können Zähne außerhalb der Praxis bislang allerdings kaum behandelt, sondern nur untersucht werden. Die Zahnärztekammern setzen sich deshalb dafür ein, dass bei Um- und Neubauten von Heimen ein Raum für einen Zahnarztstuhl eingeplant wird.

Trotz einiger Unterschiede zwischen den Bundesländern zeigt sich in den Statistiken der Kassenärztlichen Vereinigungen ein klarer Trend: die immer wichtigere Rolle von - meist weiblichen - Praxisassistenten, die den Ärztinnen und Ärzten viele Hausbesuche abnehmen. Die nötigen Fortbildungen heißen je nach Region verschieden, ein klingendes Akronym scheint aber unverzichtbar: "Verah", "Eva", "MoNi" oder "agnes zwei".

In Hessen ging die Zahl der Hausbesuche zwischen 2015 und 2018 um 150 000 auf 2,15 Millionen zurück. Der Anteil, den davon das Praxispersonal übernahm, stieg zugleich von drei auf zwölf Prozent. In Brandenburg schauten Hausärzte im Jahr 2010 noch 730 000 Mal bei ihren Patienten vorbei, 2018 nur noch 660 000 Mal. Im selben Zeitraum wuchs jedoch die Zahl der Hausbesuche durch fortgebildete Praxisassistentinnen von null auf 122 000. Insgesamt gibt es in Brandenburg also sogar mehr Hausbesuche als früher, in 18 Prozent der Fälle erscheinen aber nicht mehr die Ärzte selbst.

Entlastung durch Pflegekräfte

Sie haben Tablets und Messgeräte im Rucksack dabei und besuchen die Patienten einer Gifhorner Praxis zu Hause. Bis zu fünf extra geschulte examinierte Pflegekräfte sind jeden Tag zu den häufig bettlägerigen, meist älteren Patienten unterwegs. Sie messen Blutdruck, schreiben EKGs und versorgen Wunden, alles in Absprache mit dem Arzt. Wegen der schwierigen ärztlichen Versorgung auf dem Land sind Hausbesuche häufig nur bei akuten Problemen möglich, räumt das Gesundheitsministerium in Hannover ein. Deshalb fördert es nun das erste Telemedizin- und Telepflege-Projekt in Niedersachsen. Die Partner des Modellprojekts scheinen schon jetzt überzeugt zu sein: Das Angebot werde in den Leistungskatalog aufgenommen, sagt Jan Seeger aus dem Vorstand der AOK Niedersachsen. Auch die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) sieht Vorteile. Während das Lebensalter und die Lebenserwartung stetig steigen, seien die ländlichen Regionen für Hausärzte immer weniger attraktiv, erklärt KVN-Sprecher Detlef Haffke. Und auch für Pflegekräfte böte das Projekt neue Möglichkeiten, sagt die Geschäftsführerin des Pflegedienstes in Gifhorn, Bettina Tews-Harms. Die Arbeitszeiten seien angenehmer, die Leistungen körperlich weniger anstrengend, was die ambulante Pflege aufwerte. dpa/SZ

Barbara Kronfeldner arbeitet in einer Hausarztpraxis im niederbayerischen Straubing. Die Medizinische Fachangestellte hat unter anderem eine Fortbildung zur "Nicht-ärztlichen Praxisassistentin" (NäPA) absolviert, seither nimmt sie ihrer Chefin etwa 50 Prozent der Hausbesuche ab. "Meist sind das ältere Leute, einige wohnen in Heimen", sagt sie. "Impfen darf ich nicht, aber Blut abnehmen, chronische Wunden versorgen, Blutdruck messen und den Blutzucker kontrollieren. Ich schaue auch, wie es mit der Sturzgefahr aussieht, oder erkläre noch mal, wie man sich Insulin spritzt."

Bei der Videosprechstunden sind Haftungsfragen heikel

Kronfeldner kennt die Patienten gut und stellt sich auf sie ein. "Einige wollen viel reden. Wenn sie mich fragen, wann ich wiederkomme, freue ich mich immer." Einfach sei die Arbeit aber nicht: "Viele Patienten haben Schicksalsschläge erlitten, sind bettlägerig oder dement. Man muss stabil sein, um damit umgehen zu können."

Gerade sozialmedizinische Hausbesuche ließen sich sehr gut auf Praxisassistentinnen übertragen, meint Uwe Popert von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Allerdings zeichnet sich auch bei dieser Berufsgruppe ein Nachwuchsproblem ab.

Eine schnelle und einfache Möglichkeit, Hausärzte zu entlasten, wäre nach Poperts Überzeugung eine Änderung der gesetzlichen Regelungen zur Arbeitsunfähigkeit (AU). Vielen Unternehmen genügt es zwar, wenn die AU-Bescheinigung rückwirkend ausgestellt ist, was Ärzte bis zu drei Tage nach Krankheitsbeginn tun dürfen. Doch können Arbeitgeber ihre Angestellten auch dazu verpflichten, sich gleich am ersten Tag der Erkrankung ein ärztliches Attest zu beschaffen. "Eine unsinnige Regelung, die international einmalig ist", sagt Popert.

Von Hoffnungen, die Versorgungsschwierigkeiten auf dem Land durch Telemedizin zu lindern, hält Popert wenig - nicht nur wegen der schlechten Internetqualität in vielen Regionen. Die Haftungsfragen seien sehr heikel, die älteren Patienten wenig technikaffin. "Und was kann am Ende die Videoverbindung, was das Telefon nicht kann?", fragt er.

Barbara Kronfeldner ist derselben Meinung: "Der persönliche Kontakt ist den Patienten sehr wichtig. Aber auch ich brauche ihn ganz konkret für meine Arbeit, zum Beispiel sagt der Geruch einer Wunde viel mehr aus als das, was man sieht. Eine Videosprechstunde kann einen Hausbesuch nicht so leicht ersetzen."

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