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Ältere Mitarbeiter in Unternehmen:"Unsere Einstellung bestimmt, wie alt wir sind"

Generationenkonflikt: Junge und alte Arbeitnehmer in einem Betrieb

Von einer generationenübergreifenden Zusammenarbeit profitieren beide Seiten: Neue Technologien treffen auf bewährtes Wissen.

(Foto: imago/Westend61)

Dem BWL-Professor Sven Voelpel zufolge hat das Alter in Deutschland ein Imageproblem. Das hat negative Folgen - sowohl für den Einzelnen als auch für Unternehmen.

Sven Voelpel beschäftigt sich an der Jacobs University Bremen mit dem demografischen Wandel und den Auswirkungen auf Unternehmen und Gesellschaft. Gerade ist sein Buch "Entscheide selbst, wie alt du bist - Was die Forschung über das Jungbleiben weiß" erschienen, die erste Auflage war nach wenigen Tagen ausverkauft. In dem Buch fordert der BWL-Professor, das vorherrschende Bild vom Alter zu revidieren. Gleichzeitig gibt er Tipps für ein gelassenes Älterwerden und erklärt, welche Fehler Firmen im Umgang mit älteren Mitarbeitern machen.

SZ.de: Deutschland wird immer älter - mit großen Auswirkungen für das Renten- und Gesundheitssystem, aber auch für die Unternehmen, die Politik, die Gesellschaft und letztlich jeden Einzelnen. Warum beschäftigen wir uns trotzdem so ungern mit dem Thema Alter?

Sven Voelpel: Weil Alter vor allem als eines betrachtet wird: als Defizit. Im Alter geht es abwärts, so die gängige Meinung. Wenn wir an alte Menschen denken, dann denken wir an Demenz, Pflegeheime, Krückstock.

Ab einem gewissen Zeitpunkt baut der Körper doch aber tatsächlich ab.

Die grausame Wahrheit: Das stimmt. Nierenfunktion, Lungenvolumen, Nervenleitgeschwindigkeit, Muskelstärke - das alles wird etwa ab dem 40. Lebensjahr kontinuierlich weniger. Auch das Hirn wird löchriger, die sozialen Kontakte werden seltener. Die gute Nachricht: Dem sind wir nicht machtlos ausgeliefert. Es gibt tatsächlich viele Einflussfaktoren, die sich auf das Altern auswirken. Der Mensch verfügt über eine erstaunliche Plastizität.

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Was ist Ihr biologisches Alter?

Mit unserem Lebensstil nehmen wir großen Einfluss darauf, wie schnell wir altern. Machen Sie den Test und finden Sie heraus, wie alt Ihr Körper tatsächlich ist.

Das bedeutet so viel wie "Wandlungsfähigkeit".

Genau. Meine Lieblings-Studie zu dem Thema befasst sich mit dem Händedruck. Forscher haben gemessen, wie fest die Leute zudrücken können. Schaut man sich das über die verschiedenen Altersgruppen hinweg an, erkennt man wie erwartet eine umgekehrte U-Kurve. Das eigentlich Interessante ist, wie sich diese Kurve zusammensetzt. Das sind Tausende einzelne Punkte, die aber total verstreut sind. Da gibt es den 24-Jährigen, der nur auf 18 Kilo kommt, aber auch den 64-Jährigen, der zupacken kann und 54 Kilo drückt. Wie fit wir im Laufe unseres Lebens sind, ist also sehr individuell.

Das lässt sich durch Training beeinflussen?

Tatsächlich hat körperliche Aktivität sogar einen Einfluss auf das Denkvermögen. Wir haben bei uns an der Jacobs University eine Studie durchgeführt. Eine Gruppe älterer Personen hat sich drei Mal die Woche zum Walking getroffen - bei denen hat sich in Intelligenztests kontinuierlich die Reaktionsfähigkeit erhöht. Eine weitere Gruppe hat die Koordinationsfähigkeit beim Tai-Chi trainiert. Das hatte eine erhöhte Antwortpräzision zur Folge. Die Art der physischen Intervention hat also sogar Einfluss auf die Art, wie wir denken.

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Generell unterscheidet die Psychologie zwei Arten von Intelligenz: Die fluide Intelligenz, also die Fähigkeit Neues zu lernen. Und die kristalline Intelligenz, das Erfahrungswissen. Können Sie erläutern, wie sich beides mit zunehmendem Alter verändert?

Die fluide Intelligenz erreicht mit etwa 25 Jahren ihren Höhepunkt und fällt dann ab. Wer sich allerdings immer wieder mit neuen Themen beschäftigt, zum Beispiel eine Sprache oder neue Computer-Programme lernt, kann dies aber etwas nach hinten verschieben. Die kristalline Intelligenz hingegen steigt bis etwa 55, kann aber auch erst mit 75 oder sogar 90 Jahren den Peak erreichen. Das ist die Fähigkeit, Informationen mit bestehendem Wissen zu verknüpfen. Deshalb sind Führungskräfte oder auch Politiker oft älter, denen kommt dieses Erfahrungswissen zugute.

Im Normalfall gehen wir aber mit 65 oder spätestens 67 Jahren in Rente.

Völlig paradox, wenn man sich anschaut, dass der älteste Marathonläufer 101 Jahre alt ist. Es gibt Lehrer, sogar Nobelpreisträger, die geklagt haben, weil sie länger arbeiten wollten. Das durften sie aber nicht, weil es halt so geregelt ist.

Was ist denn so schlimm am Ruhestand?

Daran muss gar nichts schlimm sein. Für viele ist die Pensionierung aber eine Vollbremsung ihrer Aktivitäten. In einer Studie wurde der Blutfluss im Gehirn von Menschen im Rentenalter gemessen. Bei der Gruppe, die weiterhin gearbeitet hat, blieb der konstant. Bei der Gruppe, die aktiv den Ruhestand gestaltet hat, ist der Blutfluss in den ersten ein, zwei Jahren angestiegen. Warum? Die lernen etwas Neues und machen etwas, was ihnen Spaß macht, sei es ein Ehrenamt, sei es ein Hobby. Nach vier Jahren wird auch das dann zur Routine und das Aktivitätslevel gleicht sich wieder den Arbeitenden an.

Dann fehlt noch eine dritte Gruppe ...

Diejenigen, die passiv in den Ruhestand gehen. Beispiele kennen wir vermutlich alle von Bekannten oder Verwandten. Erst hat man noch große Pläne: "Ach, dann haben wir endlich Zeit für Freunde und Reisen." Dann sitzt man aber doch zu Hause, geht nicht mehr raus und es folgt ein Leistungsabfall. Das sieht man ganz deutlich am Blutfluss im Gehirn. Hinzu kommen Krankheiten wie Herzinfarkt, Depressionen. Platt gesagt: Wer rastet, der rostet.