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Abschaffung der Hauptschule:Wider die Stigmatisierung

Mitte dieser Woche wird die schwarz-grüne Koalition in Hamburg die Hauptschule als eigenständige Bildungseinrichtung abschaffen. Doch wenn am Schultor nicht mehr Hauptschule steht, verschwinden nicht automatisch die schwierigen Schüler.

Nicht nur großartig, ach was. Die Arbeit an den Hamburger Hauptschulen sei beispielhaft für ganz Deutschland, so jubelte einst Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust. Das war vor drei Jahren, der CDU-Politiker feierte die Hauptschulinitiative der Hansestadt. Tatsächlich nahmen sich andere Länder Hamburg zum Vorbild: Berufsberater und Unternehmer sollen den Schülern helfen, den Weg in die Arbeitswelt zu finden. Wo es noch Hauptschulen gibt in Deutschland, suchen sie nun so früh wie möglich Kontakt zu Betrieben. Politiker der Union hoffen, auf diese Weise die in Verruf geratene Schulform stärken zu können. Doch Ole von Beust ist längst einen Schritt weiter: Mitte dieser Woche will seine schwarz-grüne Koalition die Hauptschule endgültig abschaffen. Und wieder könnte Hamburg zum Vorreiter werden.

Schule, dpa

Schule: Ungünstiges "Lernmilieu" - oft fehlt den Schülern die Anregung für bessere Leistungen.

(Foto: Foto: dpa)

Schritt für Schritt lösen sich Unionspolitiker vom dreigliedrigen Schulsystem. Treffen sie auf sozialdemokratische Anhänger der Gesamtschule, kommt es zwar noch immer regelmäßig zu jenen Hakeleien und Rechthabereien, die die Schulpolitik in Deutschland seit Jahrzehnten prägen und lange Zeit lähmten. Doch längst macht sich im Hintergrund der ideologischen Scharmützel Pragmatismus breit. In Schleswig-Holstein hat sich die CDU in einer großen Koalition auf Gemeinschaftsschulen und eine Fusion der Haupt- und Realschulen eingelassen, in Ostdeutschland und im Saarland gibt es ähnliche Modelle seit Jahren.

Defizite in Deutsch

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) fordert, an jeder Hauptschule müsse künftig auch ein mittlerer Abschluss möglich sein. Und selbst in Hessen, wo die CDU bisher besonders vehement das dreigliedrige System verteidigte, zeigt sich Kultusminister Jürgen Banzer nun flexibel. Es könne durchaus sinnvoll sein, sagt er, Haupt- und Realschüler zunächst zusammen zu unterrichten und erst später zu differenzieren.

Bundesweit gibt es immer weniger Hauptschüler. Seit Anfang des Jahrtausends ist ihre Zahl um 15 Prozent gesunken, nun besucht nur noch jeder Zehnte eine Hauptschule. Unter ihnen sind überdurchschnittlich viele Kinder von Arbeitslosen, ungelernten Arbeitern und Migranten. Vor allem in den Städten sitzen in der Klasse oft zu 80 oder 90 Prozent "ndH-Schüler", wie es im Amtsdeutsch heißt; "ndH" steht für nicht-deutsche Herkunft. Diese Jugendlichen haben oft Defizite in Deutsch, sie leiden aber auch darunter, dass sie schon in frühen Jahren stigmatisiert und wenig gefördert worden sind. Studien zeigen, dass die Schulempfehlungen am Ende der Grundschulzeit sehr anfällig für Fehler sind. Oft entsprechen die Leistungen der für die Hauptschule Empfohlenen denen der Realschüler und umgekehrt. Migranten haben es bei gleicher Intelligenz und gleichen Fähigkeiten schwerer, auf eine höhere Schulform zu kommen.

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