11. August 2010, 12:36 Wissenschaftliche Aufsätze Ein bisschen Englisch reicht nicht

Die deutsche Wissenschaft droht in Unbedeutsamkeit zu versinken - weil die Forscher meinen, sie müssten alle Aufsätze auf Englisch schreiben. Dumm nur, dass sie die Sprache nicht richtig können.

Von B. Müller

Sokrates galt als der Weiseste der Menschen. Nicht weil er etwas gewusst hätte, sondern weil er wusste, dass er nichts wusste. Während seine Mitbürger sich in der falschen Sicherheit ihrer Meinungen wiegten, führte er ihnen vor Augen, dass diese der Prüfung nicht standhielten, entzog ihnen den Boden unter den Füßen und jagte ihnen damit einen gehörigen Schreck ein.

Deutsche Wissenschaftler denken, sie sprechen Englisch wie ihre Muttersprache. Der Eindruck täuscht.

(Foto: AFP)

Auf ähnliche Art wie die alten Athener meinen viele deutsche Wissenschaftler, es ließe sich dem Universalitäts-Gebot ihrer Fächer Genüge tun, indem man "Englisch kann". In der Praxis bedeutet dies für sie, dass sie durch Auslandsaufenthalte und Umgang mit native speakers sich eine möglichst automatische Geläufigkeit in der anderen Sprache aneignen, um idealerweise gar nicht mehr nachdenken zu müssen, wie es "richtig" heiße, sondern es einfach zu fühlen. Bedeutet nicht "bread" Brot, "to live" leben und "because" weil? Wo sollte hier, wenn man das weiß, noch eine Schwierigkeit liegen?

Nichts führt indes mehr in die Irre als speziell diese letzte Annahme, dass "weil" und "because" identisch wären, bloß weil das Lexikon es so angibt. Hundertfünfzig Seiten Text und ungezählte Einzelanalysen wendet die Habilitationsschrift des Linguisten Winfried Thielmann auf ("Deutsche und englische Wissenschaftssprache im Vergleich: Hinführen - Verknüpfen - Benennen". Synchron Verlag, Heidelberg 2010), um es unzweifelhaft zu machen: Jeder Deutsche, der "because" so unbefangen verwendet, wie er es von seinem heimischen "weil" gewohnt ist, wird bei einem angelsächsischen Publikum auf das blanke Unverständnis stoßen.

Denn es sind sehr verschiedene Arten von "Gründen", die nach dieser unscheinbaren Vokabel angeführt zu werden pflegen. Deutsche Autoren entfalten an dieser Stelle mit Vorliebe die Logik eines Begriffs, während englische Überzeugungsarbeit leisten und ein Plädoyer halten. Hier macht sich machtvoll die "eristische" Tradition der angelsächsischen Wissenschaft bemerkbar, der Hang, die Dinge durch den formalisierten Streit vor dem Gerichtshof der community zu klären. Heißt es "because", darf man sich darauf gefasst machen, nunmehr die unterstellten Motive des Gegners zu hören.

So reicht schon ein einziges Wörtlein, um die grundlegende Differenz zweier Wissenskulturen vorzuführen, die sich bisher allzuschnell verständigt wähnen und sich wundern, wenn sie sich dann doch missverstanden haben. Nur mit großer Geduld und Zähigkeit lässt sich der Sachverhalt, der zur Ungreifbarkeit tendiert, im Einzelnen beweisen und benennen. Aber es kommen wichtige Einzelbefunde dabei heraus: Englische Einleitungen verfahren in der Themenfokussierung linear, deutsche in blockhaften Sprüngen. Das können deutsche Arbeiten sich leisten, solang sie zu deutschen Lesern sprechen, denn hier kommt ihnen ein starkes nationales "Musterwissen" zu Hilfe, wie eine Einleitung sich zu gliedern habe; so stark ist dieses Wissen in der Tat, dass es keinem mehr auffällt.

Karrieremythen

Wie ein Haufen Lemminge

Die Deutschen wissen sozusagen nicht, dass sie wissen - mit dem fatalen Ergebnis, dass bei einfacher Übersetzung des Textes in ansonsten makelloses Englisch dennoch Verwirrung und Unmut resultieren. Thielmanns Rat: Übersetzen Sie nicht, sondern schreiben Sie die Einleitung komplett neu! Wie das allerdings gehen soll, ohne dass man geradezu ein anderer Mensch und Wissenschaftler würde, weiß er auch nicht.

Deutsche Wissenschaftler meinen sie können Englisch - ihre Aufsätze werden trotzdem nicht immer verstanden.

(Foto: iStock)

Überhaupt Übersetzungen: Einem Angelsachsen wird das übertragene Deutsch immer ein bisschen zu steif und pompös klingen, wo das Original doch nur gewissenhafteste Begriffsbildung betrieben hat. Umgekehrt aber merkt der deutsche Leser, außer wenn er zur community gehört, gar nicht, dass die scheinbaren Allerweltswörter in Wirklichkeit als Fachtermini auftreten. So neigt die englische Wissenschaftssprache (diese Erkenntnis kann man gar nicht anders als paradox formulieren) gerade in ihrer täuschenden Leichtigkeit dazu, alle Leser außerhalb des engsten Fachzirkels auszuschließen, ohne dass diese es auch bloß merkten.

Deutsche Texte hingegen lohnen die Mühsal der Dechiffrierung, indem auch der Fachfremde eine Chance zum Begreifen erhält. Hier bietet die deutsche Wissenschaftskultur also, trotz des gegenteiligen Anscheins, den universaleren Ansatz; und schon deswegen wäre es schade, wenn sie völlig vom Englischen kassiert würde. Wie sich diese Differenz produktiv machen ließe, wenn ein Molekularbiologe in Berkeley sich doch schwerlich bereit finden wird, aus fachlichen Gründen Deutsch zu lernen? Das ist eine gute Frage.

So ergeben sich die fruchtbarsten Aporien. Nicht die geringste davon dürfte sein, wie Informationen von generellem Interesse aus ihrer Verkapselung in die harte Nussschale einer akademischen Qualifikationsschrift herausgeholt werden können, damit alle etwas davon haben. Denn es betrifft nicht nur die Linguistik, sondern sämtliche Fächer, nicht zuletzt die naturwissenschaftlichen, wenn Winfried Thielmann resümiert: "Es ist davon auszugehen, dass Wissenschaftler, die das Englische für - im obigen Sinne - ,einfach' und problemlos hantierbar erachten, Texte produzieren, die im angelsächsischen Sprachraum aufgrund ihrer Hermetik ebenso problemlos ignoriert werden können."

Diese Warnung besagt nicht weniger, als dass die komplette deutsche Wissenschaftsliteratur aus eitel Ahnungslosigkeit in Gefahr schwebt, der Irrelevanz zu verfallen. Formuliert freilich ist sie mit geradezu angelsächsischem Understatement und für das auf deutsche Deutlichkeit geeichte Gehör leicht zu überhören. Für ein solches Publikum erscheint der Zusatz angebracht: Lest es zweimal, schreibt es euch hinter die Ohren und zieht eure praktischen Schlüsse!