2. August 2016, 18:36 Wissenschaft Männliche Akademiker zitieren sich gerne selbst

Von Nadja Lissok

"Wenn ich mich an dieser Stelle selbst zitieren darf..." - was bei einem Vortrag für Augenrollen im Publikum sorgt, ist in wissenschaftlichen Texten üblich. Insbesondere die männlichen Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten zitieren sich gerne selbst. Das geht aus einer gemeinsamen Studie der Universitäten von Stanford, Washington und New York hervor, aus der die Washington Post berichtet.

Das Forscherteam hat 1,5 Millionen akademische Texte aller Fachrichtungen ausgewertet und festgestellt, dass etwa zehn Prozent der enthaltenen Zitate auf Aussagen des selben Verfassers zurückgehen. Wie die amerikanischen Forscher zeigen, sind Frauen bei dieser Methode allerdings deutlich zurückhaltender als Männer. Im Vergleich zitieren sich Männer in den untersuchten Werken zu 56 Prozent häufiger als ihre Kolleginnen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten stieg dieser Wert sogar auf 70 Prozent.

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Zitate sind eine Maßeinheit für Erfolg

Zum Problem wird die Zurückhaltung der Frauen, weil Zitate in der Wissenschaft als wichtiger Indikator für den Erfolg gelten: Universitäten messen beispielsweise, wie oft ein Forscher zitiert wird, und ermitteln so seinen Stellenwert und Bekanntheitsgrad in der akademischen Welt. Jeder Verweis in einer akademischen Arbeit ist schließlich eine Bestätigung für die Relevanz und Glaubwürdigkeit des ursprünglichen Verfassers.

Die Variante, ab und zu ein eigenes Zitat einzubauen, ist durchaus gängig. Schließlich hilft es Autoren, die eigenen Veröffentlichungen weiter zu verbreiten. Gerade in dünn besiedelten Forschungsgebieten bleibt einem Autor manchmal auch gar nichts anderes übrig, weil es niemanden gibt, der genau zum selben Thema forscht.

Sind Frauen zu kritisch oder Männer zu selbstbewusst?

Die US-Forscher haben für den deutliche Unterschied zwischen Männern und Frauen einige Erklärungsansätze parat. Zum Beispiel belegen auch andere soziale Studien, dass Männer generell eine höhere Meinung von der eigenen Leistung haben und weniger gehemmt sind, diese in den Vordergrund zu stellen. Hingegen sehen Frauen ihre eigene Leistung demnach eher kritisch und sind vor allem in Männerdomänen mit Erfolgen zurückhaltender. Das führt leider auch dazu, dass ihre Kompetenz von den Kollegen ebenfalls geringer eingeschätzt wird.

Neben den psychologischen Ursachen können den US-Forschern zufolge aber auch praktische Gründe eine Rolle für das unterschiedliche Verhalten spielen. Männer beginnen allgemein früher damit, eigene wissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen und haben so schlichtweg mehr Stoff zum Zitieren. Außerdem arbeiten sie prozentual häufiger in Forschungsgebieten mit einer frühen Spezialisierung, wie zum Beispiel in den Naturwissenschaften. Dort sind Selbstzitate, anders als in den Geisteswissenschaften, sowieso häufiger.

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