30. September 2015, 07:59 Studie zu Stress im Job Angst vor der Überflüssigkeit

Von Christina Waechter

Anrufe bei Freunden folgen seit geraumer Zeit immer derselben Dramaturgie: Nimmt einer tatsächlich das Telefonat an statt den Anrufer wegzudrücken, muss der Anrufer sofort fragen: "Hallo, ich bin's. Störe ich auch nicht?" Woraufhin man meist zu hören bekommt, dass man tatsächlich stört, der Angerufene aber ausnahmsweise eine kurze Arbeitspause einlegen kann, der alten Freundschaft wegen.

Auch im täglichen Leben lässt sich beobachten, dass die meisten Menschen ihren Alltag fast nur noch im Multitasking-Modus verbringen: Pendler stellen im Zug Power-Point-Präsentationen fertig, während sie sich über den Kopfhörer einen TED-Vortrag anhören. An jeder roten Ampel wird das Handy rausgeholt, um zu checken, ob in den letzten zwei Minuten etwas Wichtiges passiert ist.

Stress als Statussymbol

"Gestresst sein" ist kein Warnsignal mehr, sondern Dauerzustand - und Statussymbol. Dabei sind wir wohl deutlich weniger beschäftigt, als wir vorgeben. Das hat eine Studie im Auftrag der Werbeagentur Havas Worldwide ergeben, im Zuge derer mehr als 10 000 Menschen in 28 Ländern befragt wurden.

Durch die ständige Erreichbarkeit und Überwachbarkeit der Menschen fühlen sich vor allem jüngere Menschen der Generation Millenials (18 bis 34 Jahre alt) gedrängt, sich beschäftigt zu geben. Von dieser Gruppe gaben etwas mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie manchmal gestresster tun, als sie tatsächlich sind.

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Für Cordula Nussbaum, Zeitmanagement-Coach, ist dieses Studienergebnis absolut nachvollziehbar: "In unserer Gesellschaft sind wir extrem auf Leistung gepolt, da dürfen Angestellte natürlich niemals durchleuchten lassen, dass sie nicht 180 Prozent Gas geben. Wenn diese Menschen dann auch noch das Damokles-Schwert des drohenden Jobverlusts über sich spüren, dann geben sie schon aus reinem Selbstschutz vor, mehr zu tun, als sie wirklich leisten. Das hat mit Faulheit nichts zu tun, sondern damit, dass Menschen an ihre Grenzen getrieben werden und ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt."

Ganz besonders trifft dieses Phantom-Beschäftigungs-Phänomen auf Menschen in Deutschland und den USA zu - da in protestantisch geprägten Ländern Arbeit selbst als ein hohes Gut betrachtet wird. Unsere Neigung, unser Stress-Level großzügig zu übertreiben, kommt von unserem Glauben, dass Beschäftigtsein damit gleichzusetzen ist, ein wichtiges Leben zu führen.

Weil wir nicht marginalisiert werden wollen, geben wir damit an, wie gefragt wir sind. Zudem sind Arbeit wie Alltag sehr viel komplexer geworden, was neue Strategien der Arbeitsbewältigung erfordert, so Nussbaum: "Früher, als es Handy und Mails noch nicht gab, konnte man sich am Morgen eine To-Do-Liste schreiben, die Aufgaben priorisieren und dann bis zum Abend abarbeiten. Heute ist das nicht mehr so einfach, weil die Abläufe so komplex sind und der Alltag so schnell ist."

Ein großer Stressfaktor ist laut Nussbaum die ständige Erreichbarkeit - und die Möglichkeit, immer weiterarbeiten zu können, egal wo man ist. Wer auf seinem Smartphone und dem Laptop Zugriff auf die Arbeitsmails hat, der muss sich geradezu rechtfertigen, wenn er sie übers Wochenende nicht wenigstens mal checkt.

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Zeit, über die wir komplett frei verfügen können, wird heute als Zeichen der drohenden Überflüssigkeit betrachtet. Früher wurde dagegen eine Zeit des Müßiggangs als Freiraum betrachtet, in dem wir reflektieren, Introspektion betreiben und den schönen Dinge des Lebens nachgehen können.

Für Cordula Nussbaum ist diese Umdeutung von Zeit besorgniserregend. Für sie sind Pausen elementar für erfolgreiches Arbeiten: "Wir brauchen Phasen, in denen wir Gedanken nachhängen können. Erholte Mitarbeiter sind um vieles produktiver als gestresste. Wenn Top-Führungskräfte behaupten, sie kämen mit vier Stunden Schlaf aus, dann verschweigen sie dabei, dass ihre Gehirnleistung der eines Menschen mit zwei Promille entspricht."

Es wird Zeit, freie Zeit wieder umzudeuten. Und am besten, wir fangen beim nächsten Anruf eines guten Freundes an. Wenn der mal wieder fragt, ob er stört, behaupten wir im Brustton der Überzeugung: "Nein, überhaupt gar nicht. Schieß los!"