4. Januar 2016, 18:52 Schweizer Unternehmen Nur ein Tag Elternzeit für Schweizer Väter

Von Charlotte Theile

Elin Persson ist müde. "Ich stehe in der Woche jeden Morgen um fünf Uhr auf und arbeite anderthalb Stunden bevor die Kinder aufwachen." Es ist Freitagnachmittag, kurz nach 16 Uhr. Persson ist auf dem Heimweg. Am Abend, wenn die Kinder im Bett sind, legt sie oft noch eine Schicht ein. Ihre Kollegen, fast alles Männer, erledigen ihre Arbeit im Büro, wo sie jeder sieht. "Die Leute, mit denen ich in direkter Konkurrenz stehe, sind Männer. In der Schweiz bedeutet das: Sie führen ein völlig anderes Leben als ich. Auch wenn sie Kinder haben."

Elin Persson ist Mitte 30, seit sieben Jahren lebt sie in der Schweiz. In ihrem Heimatland Schweden ist die Gesellschaft auf arbeitende Mütter eingestellt. "Der Arbeitsmarkt ist flexibler. Es ist klar, dass sowohl Mütter als auch Väter in ihre Karrieren und ihre Familien investieren", sagt Persson. In der Schweiz erlebt sie das anders. Mutterschaft und Karriere seien Gegensätze.

Persson nimmt einen Schluck grünen Tee, sie ist wütend. "Ich habe zwei Söhne, zwei und vier Jahre alt, sie gehen in eine Krippe, das kostet etwa 2000 Euro pro Monat und Kind." Die Betreuung dort sei sehr gut. Dennoch ist sie nicht ganz zufrieden: In der Krippe werde den Kindern vermittelt, Jungs und Mädchen seien völlig unterschiedlich. "Mein ältester Sohn sagt Dinge wie: Mädchen sind dumm, Mädchen können nicht schnell rennen." Persson, die eigentlich anders heißt, aber Nachteile befürchtet, wenn sie mit ihrem richtigen Namen genannt wird, glaubt: Wenn ihre Kinder Mädchen wären, würde sie vielleicht nicht mehr in der Schweiz leben.

Nur ein freier Tag für junge Väter in der Schweiz

Tatsächlich ist die Schweiz im Vergleich zu den Nachbarländern in den vergangenen Jahren in eine Schieflage geraten, was familienfreundliche Arbeitszeitmodelle betrifft. Während sich in Deutschland immer mehr Mütter und Väter 14 Monate Elternzeit untereinander aufteilen - und die Männer in einigen Branchen sogar kritisiert werden, wenn sie nur zwei Monate freinehmen, hat ein junger Vater in der Schweiz Anrecht auf nur einen freien Tag. Einige Arbeitgeber gewähren mehr freie Tage, doch das ist freiwillig.

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Eine Studie der Gewerkschaft Travail Suisse zeigt: Väter, die nach der Geburt fünf Tage freinehmen dürfen, sind bereits privilegiert. Der Verband kämpft dafür, landesweit einen verbindlichen Vaterschaftsurlaub von 20 Arbeitstagen einzuführen, im Moment bereiten die Gewerkschafter eine entsprechende Volksinitiative vor. Doch bis diese zur Abstimmung kommt, vergehen Jahre. Dabei hat die Studie ergeben, dass sich der Verband damit längst im Mainstream bewegt: 80 Prozent der befragten Schweizer sind für einen Vaterschaftsurlaub.

"Ich glaube, dass der Schweiz ihre konservative Politik zum Nachteil werden kann", sagt Cedric Wermuth, 29, sozialdemokratischer Abgeordneter im Berner Nationalrat. Vor einigen Monaten wurde er das erste Mal Vater. "Gut ausgebildete und sehr gut bezahlte Fachkräfte können sich eine Zeit lang privat organisieren. Für die Mittelklasse aber wird die Schweiz auf längere Sicht weniger attraktiv." Wermuth hat einen Monat unbezahlten Urlaub genommen, als das Kind da war, viele seiner Freunde machen es ähnlich.

"Ich beobachte, dass sich zwei unterschiedliche Arbeitsmärkte entwickeln. Die großen Player, die mit Google, Facebook und Co. um die besten Leute konkurrieren, führen betrieblichen Vaterschaftsurlaub ein und betreiben eine interne Kita. Für die normalen Leute, die in kleinen oder mittleren Unternehmen arbeiten, fehlen diese Angebote. Vor allem auf dem Land." Ein Arbeitsmarkt, zwei Geschwindigkeiten, könnte man sagen. Oder: Karriere und Familie zu vereinbaren, ist in der Schweiz ein Luxus, den sich nur wenige leisten können.

Elin Persson spricht Deutsch, Französisch, Englisch und Schwedisch, sie hat promoviert. "Trotzdem hat es sich für mich nach den Geburten eigentlich nicht mehr gelohnt, arbeiten zu gehen. Ich hatte ein paar Hundert Franken mehr als wenn ich zu Hause geblieben wäre." Persson wirft ärgerlich die Haare zurück. Warum sie es trotzdem gemacht hat? Wer nicht mehr 100 Prozent arbeitet, hat es schwer.

"Bei vielen Freundinnen sehe ich das. Sobald sie Kinder haben, werden sie nicht mehr wahrgenommen, jeder erwartet, dass die Arbeit für sie keine Priorität mehr hat." Sie habe für sich entschieden: Die Kosten einer längeren Reduktion der Arbeitszeit sind, auf das gesamte Leben gerechnet, höher als die Krippenplätze ihrer Söhne.

Der überwiegende Großteil der Väter arbeitet Vollzeit

Andererseits: In der Schweiz leben viele berufstätige Mütter. Das Angebot an Teilzeitstellen ist in vielen Branchen gut - und die Löhne sind so hoch, dass eine 60-Prozent-Stelle oft schon 4000 Franken brutto einbringt. Wenn dann noch eine Großmutter in der Nähe ist, geht die Rechnung für viele Familien auf. Doch wer Teilzeit arbeitet, kommt beruflich kaum weiter.

Eine Studie des Schweizer Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2012 zeigt: In fast der Hälfte der Schweizer Haushalte mit Kindern unter 15 Jahren ist der Vater vollerwerbstätig, die Mutter arbeitet Teilzeit. Dazu kommen 30 Prozent Haushalte, in denen der Vater Vollzeit, die Mutter gar nicht arbeitet. In zehn Prozent der Familien arbeiten beide Vollzeit. Das zeigt: Besonders für Väter gibt es kaum Wahlmöglichkeiten. Wer seine Arbeitszeit reduzieren will, stößt oft auf Unverständnis. In vielen Nachbarländern sind in den vergangenen Jahren Gesetze erlassen worden, die das ändern sollen.

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Schweizer sind kritisch gegenüber staatlichen Regelungen. Idealtypisch klingt das in einer E-Mail, die Benjamin Giezendanner, Anfang 30, junger Vater, dieser Zeitung geschickt hat: "Kinder zu kriegen, ist ein großes Glück, doch haben wir uns alle (Eltern) dazu entschieden und müssen dafür auch Verantwortung übernehmen. Es soll nicht die Allgemeinheit sein (Staat), welche ein gewisses Segment der Bevölkerung unterstützt (Umverteilung)." Giezendanner ist Mitglied der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), seine Argumentation kann als die der Partei gelten: Der Staat ist nicht zuständig.

Wer "der Mutter bei Bedarf zur Hand gehen" will, wie Giezendanner es ausdrückt, ist dafür selbst verantwortlich. Zudem argumentieren viele Politiker mit der Belastung für kleine und mittlere Unternehmen. Wenn in einem Betrieb mit drei Mitarbeitern einer längere Zeit ausfällt, sei das eine schwierige Situation.

In der Schweiz setzt man lieber auf privatwirtschaftliche Initiativen und kleine, maßgeschneiderte Lösungen als auf Gesetze, die für alle gelten und von allen bezahlt werden müssen. Die Schwedin Elin Persson etwa, bekommt 1000 Franken pro Kind und Monat aus einem Fonds, der wissenschaftliche Forschung fördern soll.

"Die Schweizer Wirtschaft lässt das weibliche Potenzial einfach links liegen"

Auch Claudine Esseiva von der wirtschaftsliberalen FDP hält diese Argumente für entscheidend. Sie sagt, sie wolle Bürokratieaufbau verhindern und die Freiheit des Individuums stärken. "Aber im Moment gibt es ja keine Wahlfreiheit." Sie findet: Die Schweizer Wirtschaft lasse das weibliche Potenzial einfach links liegen. "Das wird auf Dauer nicht so weitergehen." Ein weiteres Argument: 2014 hat die Schweiz beschlossen, die Zuwanderung zu drosseln. "Ein Weg, weniger Ausländer anzustellen, wäre es, sich einmal die Frauen anzuschauen, die bereits hier sind", findet Esseiva. Einen Vaterschaftsurlaub von einem Tag hält sie für unsinnig, auch 20 Tage seien "eigentlich" noch nicht sehr viel.

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Doch davon ist die Schweiz derzeit weit entfernt. Auch wenn das Parlament im vergangenen Jahr verschiedene Vorstöße diskutiert hat. Ein gesetzlicher Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen konnte beispielsweise bisher nicht durchgesetzt werden.

Für Elin Persson ist die Ungleichheit im Büro nur noch schwer zu ertragen. "Natürlich, ich bin freiwillig in der Schweiz, und das hat Gründe. Das Land bietet auch viel Positives." Dennoch überlege sie immer wieder, das Land ihrer Karriere zuliebe zu verlassen. Zum Beispiel vor ein paar Wochen. Da sei einer ihrer Kollegen nach nur drei Tagen wieder ins Büro gekommen, obwohl ihm nach der Geburt fünf freie Tage zustehen. "Ich habe ihn gefragt, was er hier macht. Er sagte, es gebe für ihn zu Hause nichts mehr zu tun. Seine Schwiegermutter sei ja jetzt da."

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