10. Oktober 2011, 13:23 Jobwechsel Leidenschaft, wenn Arbeit Leiden schafft

Die Deutschen sind mit ihrer Arbeit immer weniger zufrieden, nur noch jeder Neunte zeigt hohes Engagement im Job. Eine Lösung: Das Hobby zum Beruf machen. Doch wer diesen Schritt wagt, muss aufpassen.

Von Hannes Vollmuth

Das Hobby macht Spaß, der Beruf aber nicht. Wenn Uta Glaubitz diesen Satz hört, holt die Berlinerin tief Luft und sagt das, was sie seit 15 Jahren schon sagt: "Quatsch."

Erst Sozialpädagoge, dann Sänger: Matthias Nürnberger wurde zu Senore Matze Rossi.

(Foto: privat)

Glaubitz ist Berufsberaterin. Vor zwei Jahren hat sie das Buch geschrieben "Der Job, der zu mir passt". Wer in ihre Beratung kommt, geht nur noch mit Magenschmerzen zur Arbeit. "Viele Menschen glauben, was Spaß macht, muss Hobby bleiben", sagt die Expertin. Ein großer Irrtum.

Mit dem Glück auf der Arbeit ist es in Deutschland nicht weit her. "Seit Mitte der achtziger Jahre ist die Arbeitszufriedenheit stark zurückgegangen", sagt Karl-Heinz Ruckriegel, Volkswirt und Glücksforscher an der Hochschule Nürnberg.

2010 fand das Meinungsforschungsinstitut Gallup in Berlin heraus, dass nur noch jeder neunte Arbeitnehmer ein hohes Engagement zeigt. Die Zahl derjenigen, die überhaupt keine Lust mehr haben, stieg innerhalb von zehn Jahren von 15 auf 21 Prozent.

Als Matthias Nürnberger aus Schweinfurt sein Hobby zum Beruf machen will, ist die Unzufriedenheit längst Teil seines Alltags. Das Studium vorbei, das Anerkennungsjahr als Sozialpädagoge gerade geschafft - und doch ist er mit 30 Jahren seines Berufes überdrüssig.

Am Anfang stehen Fragen

Während er tagein, tagaus soziale Härtefälle betreut und Berichte darüber schreibt, denkt er immer öfter an sein Hobby: Musik. In seiner ersten Band spielte Nürnberger mit elf Jahren. "Nur den Mut, damit auch meinen Lebensunterhalt zu verdienen, den hatte ich nie", sagt der heute 34Jährige.

Der Sänger und Songwriter wagt es 2007 schließlich doch - und spielt gleich 115 Shows, deutschlandweit. Ein Jahr später ist der Musiker mit dem Künstlernamen Senore Matze Rossi schon für 155 Auftritte gebucht. Er singt in Clubs von Hamburg bis München. Dass der Mann mit der Gitarre Sozialpädagoge ist, wissen im Publikum die wenigsten.

Nicht immer verläuft der Umstieg vom verhassten Beruf zum geliebten Hobby so geradlinig wie bei Nürnberger. "Wer in seinem Beruf unzufrieden ist, denkt nicht sofort an das Hobby", sagt Berufsberaterin Glaubitz. Die meisten kämen lediglich mit dem Wunsch, etwas anderes zu machen.

Gewöhnlich stellt Glaubitz erst einmal viele Fragen: Was wollten Sie früher werden? Was ist Ihnen wichtig im Leben? Und: Was machen Sie an einem freien Wochenende? "Die meisten Menschen haben keine Ahnung, was sie wollen."

Skurrile Berufe

Mitarbeiter gesucht: Dick und hässlich bevorzugt

So wie Marc Müller aus Trier. Die Frustration, die bei einigen mit Anfang 30, bei anderen erst Mitte 40 kommt, hatte den Bankkaufmann schon mit 25 Jahren fest im Griff. Anfang der neunziger Jahre arbeitet er in der Buchhaltung der Stadtsparkasse Trier. "Die einzige Abwechslung waren die täglich wechselnden Zahlen", sagt Müller. Was ihn wirklich interessiert, erkennt er erst 15 Jahre später.

Erst Bankangestellte, dann Bewegungskünstlering: Kerstin Kloppe eröffnete ein Tanzstudio.

(Foto: privat)

Zunächst schmeißt der Bankkaufmann alles hin, geht studieren, bricht ab, zieht nach Hamburg und arbeitet für eine Zeitarbeitsfirma. Ehrenamtlich beginnt er, Touristen durch die Hansestadt zu führen. Erst als er in St. Pauli steht und mit Begeisterung von der Großen Freiheit spricht, wird ihm klar: "Ich will Menschen etwas erzählen."

Aus der Freizeitbeschäftigung ist inzwischen ein handfester Beruf geworden. Der ehemalige Bankkaufmann führt heute zahlungskräftige Besucher durch seine Wahlheimat, zeigt Touristen die Speicherstadt oder die Baustelle der Elbphilharmonie. Nur noch selten denkt er an den Bankschalter zurück. Auch nicht daran, dass damals jeden Monat eine beträchtliche Summe Geld auf seinem Konto landete.

"Teilweise ist der Überdruss am Beruf auch ein Luxusproblem", sagt die Karriereberaterin Svenja Hofert aus Hamburg. Die Menschen, die sie seit elf Jahren berät, sind gutverdienende Akademiker in der Sinnkrise: Die Betriebswirtin, die lieber Salsa tanzen will; der Manager, der schreiben möchte; oder die Sportlehrerin, die von der Yoga-Schule schwärmt.

"Viele träumen nur", sagt Hofert. Die wenigsten wollen wirklich heraus aus dem, was sie die "Komfortzone" nennt: Gutes Gehalt, sicherer Job, 30 Tage Urlaub. Und wer es dennoch wagt, braucht einen langen Atem. Manchmal dauere es Monate, wenn nicht Jahre, bis man sein Hobby tatsächlich zum Beruf gemacht hat.

Radikaler Wechsel oder Kompromiss?

Kerstin Kloppe, Bankangestellte aus Suhl, probiert es seit einem halben Jahrzehnt. "Beruflich wollte ich schon immer etwas mit Bewegung machen", sagt die 45-Jährige, die jede freie Minute im Sportoutfit verbringt. Doch erst als ihr Job zur Erschöpfung führt und eine Kur unumgänglich wird, wagt Kloppe den Sprung ins kalte Wasser - und eröffnet ein Tanzstudio.

Nia, eine Mischung aus Tai Chi und Yoga, Tanzen und Fitness, will Kloppe nach Suhl bringen. 18.000 Menschen haben die Stadt seit der Wende verlassen. "Der Umstieg ist schwer", sagt sie. Aber Nia, der neue Tanz, macht sie glücklich.

Auch als sie sich 2010 wieder arbeitslos melden muss, verliert sie nicht den Mut. Gerade hat ihr neues Studio eröffnet - Kloppe vertraut ihrer Leidenschaft. Und wieder zurück in Bank? "Nein", sagt sie - und das gleich fünf Mal hintereinander.

Oft ist ein Kompromiss die beste Lösung. "Wer nur vier Tage in der Woche arbeitet, hat mehr Zeit für das Hobby", sagt Hofert. Der Druck, mit dem Hobby auch Geld zu verdienen, macht manchmal selbst die größte Freude zunichte.

Senore Matze Rossi aus Schweinfurt erwischte es nach drei Jahren. Wochenlang saß der Musiker nur vor dem Rechner, plante Auftritte, bediente Facebook und Myspace, damit der Saal in Bremen wenigstens halb voll war. "Ich hab dich seit Monaten nicht mehr Gitarre spielen hören", sagte seine Frau irgendwann zu ihm. Für Senore Matze Rossi war das liebe Hobby zum lästigen Beruf geworden.

Inzwischen arbeitet Nürnberger wieder als Sozialpädagoge, zumindest ein paar Tage in der Woche. "Ich habe für mich einen Kompromiss gefunden", sagt der Musiker heute. Und aus dem Proberaum kommen wieder Gitarrenklänge.

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