Als sie anfing, soziale Arbeit zu studieren, war für sie klar: Sie will später nichts mit Kindern und Jugendlichen machen. Jetzt ist Mara Integrationshelferin an einer Schule und unterstützt einen 16-jährigen Jungen mit Autismus und ADHS. Dabei hilft sie ihm nicht nur bei schulischen, sondern auch bei ganz persönlichen Themen. Die Arbeit mit Jugendlichen zeigt ihr heute, wie besonders es ist, Einfluss darauf zu haben, wie sich jemand weiterentwickelt.
Was ich als Integrationshelferin mache
„Als Integrationshelferin begleite ich Schüler mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen in ihrem Schulalltag. Ich unterstütze sie dabei, dem Unterricht besser zu folgen, helfe beim Lernen und in der sozialen Interaktion.
Ich arbeite nicht direkt an einer Schule, sondern bin seit September 2025 bei einer externen Firma angestellt, die mich an eine Schule beziehungsweise an Schüler vermittelt. Dazu findet vorher ein Kennenlernen statt. Man versteht sich nicht mit jedem Menschen gleich und das Zwischenmenschliche muss passen, das ist die Grundlage. Meine Arbeit kann nur so viel bringen, wie meine Hilfe auch angenommen wird. Der Junge, den ich derzeit betreue, ist 16 Jahre alt und braucht wegen seines Autismus eine Vollzeitbegleitung in der Schule. Er ist der erste Schüler, den ich in diesem Job begleite. Meistens nimmt er meine Hilfe an, er möchte aber selbständiger werden. Mein Ziel ist es, ihn zur Eigenständigkeit zu begleiten.“
Wie mein typischer Arbeitstag aussieht
„Montag bis Donnerstag arbeite ich meistens von 8 Uhr bis 16 Uhr, freitags nur bis 12:45 Uhr. Ich sitze im Klassenzimmer neben dem Jungen an meinem eigenen Tisch und helfe ihm vor allem bei Organisatorischem. Manchmal bekommt er wichtige Informationen nicht mit oder vergisst, was er machen muss. Ich erinnere ihn zum Beispiel daran, seine Unterrichtsmaterialien für die nächste Stunde zu packen oder seinen Schreibtisch aufzuräumen. Er kann sich viel besser konzentrieren, wenn alles organisiert ist, tut sich aber schwer, von selbst strukturiert zu sein.
Bei Prüfungen lese ich ihm manche Aufgaben noch mal vor und frage ihn, ob er alles verstanden hat. Ich achte außerdem für ihn auf die Zeit, weil ihm das Zeitgefühl fehlt. In Fächern wie Deutsch oder Ethik muss ich ihn mehr unterstützen, da er nur schwer abstrakte Gedankengänge nachvollziehen kann. Dafür kann er logische Zusammenhänge wie in Mathematik sehr gut fassen.
Bei persönlichen Schwierigkeiten helfe ich ihm auch. Oft versteht er keine Ironie oder Spaß, und wenn er zusätzlich gestresst ist, kann es zu Konflikten mit anderen Schülern kommen. Bei allen Konflikten rede ich mit ihm oder gebe ihm Strategien an die Hand, mit Hilfe derer er seine Emotionen besser regulieren kann. Wir können auch jederzeit in einen Extraraum gehen, damit wir niemanden stören.
Für die Firma dokumentiere ich, was in der Schule inhaltlich durchgenommen wurde, Zwischenmenschliches wie Konflikte und deren Bewältigung jedoch nicht.“
Wie ich Integrationshelferin geworden bin
„Als ich angefangen habe, soziale Arbeit zu studieren, wollte ich eigentlich nie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. In meinem Praxissemester habe ich dann in einer Nachmittagsbetreuung mit Grundschulkindern gearbeitet und ihnen bei Hausaufgaben geholfen, Workshops gegeben und ihre Freizeit mitgestaltet. Da habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit mit Kindern Spaß macht. Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn sich Kinder über dich freuen. Ich habe aber auch gemerkt, wie anstrengend es sein kann, eine ganze Gruppe zu managen. Einzelbetreuung passt deswegen besser zu mir. Nach meinem Bachelorabschluss habe ich mich online nach Jobangeboten in der Schulbegleitung umgeschaut und mich auf meine jetzige Stelle als Integrationshelferin beworben. Was Autismus und ADHS genau sind und wie ich damit umgehe, habe ich in meiner aktuellen Position gelernt. Über meine Firma habe ich eine Schulung gemacht, in der ich ein paar Basics an die Hand bekommen habe. Außerdem gibt es regelmäßig Fortbildungen. Da steigt man dann intensiv in spezielle Themen ein.“
Was der Job mit meinem Privatleben macht
„Am Anfang hat mich vieles auch außerhalb der Arbeit beschäftigt. Ich bin dann selbst zu einem Coach gegangen und habe gelernt, wie ich mich besser abgrenzen kann. Inzwischen habe ich eine erholsame Freizeit und kann gut abschalten. Was mich manchmal nervt, ist mein einstündiger Arbeitsweg. Doch so gewinne ich eine räumliche Distanz zur Arbeit, die hilft.“
Was Leute zu mir auf Partys sagen
„Viele sagen, dass mein Beruf schön und wichtig ist, und fragen mich dann, was ich genau mache. Einige denken, dass meine Arbeit lediglich aus Hausaufgabenhilfe besteht, aber mein Job ist sehr anspruchsvoll. Ich setze mich viel mit meinem Klienten als Person, mit seinen Gefühlen und Gedanken auseinander.“
Wie viel ich verdiene
„Ich arbeite 36 Stunden pro Woche und bin fest angestellt. Als pädagogische Fachkraft verdiene ich inklusive Zulagen wie Fahrtgeldzuschuss und eine tariflich geregelte Zulage für die Arbeit im sozialen Bereich einen Stundenlohn von 23,80 Euro. Pro Jahr habe ich 30 Tage Urlaub, die ich während der Schulferien nehmen muss. Die restlichen Ferientage habe ich unbezahlt frei. Allerdings bekomme ich während dieser Tage trotzdem Gehalt: Denn ich arbeite während des Schuljahres im Schnitt 150 Stunden im Monat, bekomme aber nur 130 Stunden ausbezahlt. Die restlichen Stunden wandern für die Ferienzeit auf ein Stundenausgleichskonto. Im Schnitt bekomme ich jeden Monat 3200 Euro brutto, das variiert je nach meiner tatsächlichen Arbeitszeit immer etwas. Mit diesem Gehalt bin ich zufrieden.“
Welche Eigenschaften ich mitbringen sollte
„Neben Empathie und Verständnis ist Geduld das Wichtigste. Ich achte darauf, dass ich so viel Ausgleich wie möglich habe. Ich muss ausgeruht und fit sein, sowohl körperlich als auch seelisch, um bestmöglich für meinen Schüler da sein zu können. Viele finden es anstrengend, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die manche Dinge nicht direkt verstehen. Sie werden dann ungeduldig. Mir ist das am Anfang auch schwergefallen. Aber ich weiß, dass mein Klient wegen des Autismus nicht anders kann.“
Was ich mit meiner Arbeit bewirkt habe
„Am Anfang war ich damit unzufrieden, dass sich durch meine Arbeit vermeintlich nichts verändert hat. Aber manches braucht Zeit. Irgendwann hat der Junge mir erzählt, dass er gerne wieder boxen würde. Also habe ich intensiv mit ihm darüber gesprochen und ihn ermutigt, mit seinen Eltern darüber zu sprechen. Jetzt geht er regelmäßig zum Sport. Vor Kurzem hat er mir erzählt, dass er mehr auf seine Ernährung achtet und jetzt gesund kocht, weil ich öfter mit ihm über Ernährung gesprochen hatte. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die Einzige bin, die zu dieser Veränderung beigetragen hat, aber ich hatte einen Teil daran. Es ist ein schönes Gefühl, wenn es jemandem deinetwegen besser geht.“
