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Zika-Virus:Trotz Zika nach Rio

Mückenbekämpfung am Sambadrom, einer der olympischen Sportstätten in Rio de Janeiro.

(Foto: Leo Correa/AP)
  • Die Olympischen Spiele in Brasilien müssen wegen des Zika-Virus aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation nicht verlegt oder verschoben werden.
  • Der Erreger stelle weiterhin einen globalen Gesundheitsnotfall dar. Eine Absage der im August anstehenden Spiele rechtfertige er allerdings nicht.
  • Das Gremium forderte Brasilien nun auf, seine Maßnahmen zur Eindämmung der Überträgermücken in den Orten der Spiele zu intensivieren.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO plädiert nach eingehenden Beratungen nicht dafür, die diesjährigen Olympischen Sommerspiele in Rio wegen der Zika-Epidemie abzusagen oder an einen anderen Ort zu verlegen. Dies teilten Vertreter des Notfall-Komitees der Genfer Organisation am Dienstagabend mit.

Der Erreger, von dem mittlerweile als sicher gilt, dass er schwere Fehlbildungen bei Ungeborenen auslösen kann, stelle weiterhin einen globalen Gesundheitsnotfall dar. Eine Absage der im August anstehenden Spiele rechtfertige er allerdings nicht. Eine Gruppe von gut 230 Wissenschaftlern hatte in einem offenen Brief gefordert, das Sportereignis entweder auf einen neuen Termin oder an einen anderen Ort zu verlegen. Die WHO nahm das Ansinnen immerhin so ernst, dass sie ihr Notfall-Komitee darüber diskutieren ließ.

Das Gremium forderte Brasilien nun auf, seine Maßnahmen zur Eindämmung der Überträgermücken in den Orten der Spiele zu intensivieren und dafür sorgen, dass genügend Anti-Moskito-Mittel für Sportler und Besucher zur Verfügung stehen. Insgesamt schätzte es das Risiko aber als gering ein, dass die Olympischen Spiele zu einer verstärkten internationalen Verbreitung führen. Außerdem sei Brasilien nur eines von 60 Ländern, in denen das Virus grassiert. Eine ähnliche Einschätzung hatten zuvor schon mehrere andere Wissenschaftler geäußert.

Risiko "wie ein Tropfen in einem Ozean"

Eine Verschiebung der Spiele würde ohne wesentliche Auswirkungen auf die weltweite Ausbreitung des Virus bleiben, sagt etwa der Berliner Infektionsbiologe Tomas Jelinek. "Wir leben in einer unglaublich vernetzten Welt", kommentiert auch Jonathan Ball, Virologe der Universität Nottingham: Verglichen mit dem täglichen Strom von Reisenden rund um den Globus, sei das von den Olympischen Spielen ausgehende Extra-Risiko "wie ein Tropfen in einem Ozean".

Eine halbe Million Menschen werden vom 5. August an in Rio erwartet. Doch auch ohne das Großereignis reisen allein nach Paris monatlich bis zu 200 000 Menschen aus den Zika-Regionen der Welt. 40 000 landen jeden Monat in Frankfurt am Main, wie Epidemiologen und Biologen in einer aktuellen Studie zusammengetragen haben. Wie oft der Erreger in den Maschinen mitfliegt, weiß niemand. Die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC registrierte bislang etwa 600 importierte Zika-Infektionen, den Großteil davon in Frankreich und Spanien. Doch da das Virus in vielen Fällen keinerlei Spuren hinterlässt, wird es längst nicht immer erkannt.

Im Hochsommer könnte sich die Situation ändern, dann stechen auch in Europa die Überträgermücken zu. Infizieren sie sich mit dem Zika-Erreger, können sie ihn mit jedem Stich verbreiten. Allerdings ist der Hauptüberträger, Aedes aegypti, nur auf Madeira und an der Nordostküste des Schwarzen Meeres heimisch. In diesen Regionen sei das Risiko für Zika-Ausbrüche hoch, schätzte die WHO vor Kurzem. Weniger klar ist die Lage in den anderen Teilen Südeuropas. In insgesamt 18 Ländern ist Aedes albopictus heimisch. Von dieser Mückenspezies ist nicht sicher, wie effektiv sie das Virus weitergibt. Die WHO spricht von einer "mäßigen" Gefahr für diese Staaten. Auf dem restlichen Kontinent - auch in Deutschland - sei das Risiko gering.

Zahlen registrierter Zika-Infektionen gehen zurück

In die Rechnung müssen allerdings auch die Mücken in Brasilien einbezogen werden. Mit der jahreszeitlichen Abnahme der Temperaturen auf der Südhalbkugel reduzieren die Insekten ihre Aktivität. Bereits jetzt gehen die Zahlen registrierter Zika-Infektionen zurück. In den ersten zwei Mai-Wochen wurden im ganzen Land weniger als tausend Verdachtsfälle gemeldet. Auf dem Höhepunkt der Epidemie, im Februar, wurden binnen einer Woche mehr als 15 000 Fälle registriert. Brasiliens Hoffnungen ruhen also auf dem Wetter.

Dass die krisengebeutelte Regierung das Mückenproblem aus eigener Kraft in den Griff bekommt, erscheint hingegen wenig realistisch. Die Wissenschaftler, die sich für eine Verlegung der Spiele aussprachen, verweisen darauf, dass Budgetkürzungen das Gesundheitswesen im Bundesstaat Rio de Janeiro hart getroffen haben und auch zu einer Einschränkung der Moskitobekämpfung führten. "Rios Anstrengungen zur Ausrottung des Virus erfüllen die Erwartungen nicht", kritisieren sie.

Die WHO empfahl unterdessen allen Rückkehrern aus den betroffenen Gebieten, mindestens acht Wochen lang auf ungeschützten Geschlechtsverkehr zu verzichten, da der Erreger auch durch Sex übertragen werden kann. Schwangere sollten gar nicht in Ausbruchsregionen reisen. Für Frauen in den betroffenen Ländern sind die Empfehlungen drastischer. Der von vielen Regierungen propagierte Rat, eine Schwangerschaft aufzuschieben, ist auch für die WHO eine Erwägung wert.