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ADHS:Unnötige Medikamente und Krankheits-Stempel

Lehrer stellen aber weitgehend die gleichen Anforderungen an alle Kinder einer Klasse. Und Ärzte lassen sich damit in ihren Diagnosen beeinflussen: "Kinderpsychiater stellen ihre Diagnosen nicht im luftleeren Raum", sagt Holtmann. Sie lassen sich von entnervten Lehrern anstecken und von verzweifelten Eltern, die Sorgen haben, dass ihr Kind in der Schule womöglich abgehängt wird. "Da kann sich leider nicht jeder Arzt davon frei machen", sagt er.

Letztlich hängt es von der Kraft und Bereitschaft von Lehrern ab, ob sie lebendige Kinder wie Emmi auffangen oder sie als hyperaktiv abschreiben. Das zeigt ein weiterer Fund der Münchner Wissenschaftler: Besonders häufig wird die Diagnose der Hyperaktivität demnach bei früh eingeschulten Kindern gestellt, wenn Klassen sehr groß sind oder viele ausländische Kinder dazugehören. Wahrscheinlich fallen unter solchen erschwerten Unterrichtsbedingungen die agilen Jüngsten einfach besonders negativ auf. Die Folge jedenfalls ist, dass die Jüngsten in der Klasse den Stempel bekommen, krank und behandlungsbedürftig zu sein. Und viele von ihnen nehmen auch unnötigerweise Medikamente gegen ihr angebliches ADHS, die sich negativ auf Schlaf und Wachstum auswirken können und das Risiko für Herzprobleme erhöhen.

"Bei einem wirklich unter ADHS leidenden Kind kann die Behandlung ein Segen sein, weil ein solches Kind dann nach einer langen Zeit der Ablehnung und des Gefühls, nichts zu taugen, in die soziale Gemeinschaft integriert werden kann", sagt der Psychiater Holtmann. "Aber eine nicht indizierte Behandlung bei einem Kind, das nicht krank, sondern einfach nur jung ist, sollte unbedingt vermieden werden."

Bei Einschulung auf emotionale Entwicklung der Kinder achten

Es würde wahrscheinlich schon viel helfen, wenn sich Lehrer das individuelle Alter ihrer Schüler vergegenwärtigen, sagt Manfred Döpfner. Für den Psychologen gibt es aber noch eine Konsequenz aus der Studie: "Ich rate tendenziell zur späteren Einschulung eines Kindes, vor allem dann, wenn es in manchen Aspekten entwicklungsverzögert ist und es ihm schwerer fällt, still zu sitzen und sich zu konzentrieren."

Alle Kinder "noch ein Jahr zu Hause nachreifen zu lassen, ist aber nicht die Lösung", sagt Döpfner. "Besonders die fitten sind im letzten Kindergartenjahr oft unterfordert, sie langweilen sich zu Tode." Es sei wichtig, bei der Entscheidung über die Einschulung die gesamte emotionale Entwicklung der Kinder zu berücksichtigen, damit sie am Ende gerne zur Schule gehen - in welchem Alter auch immer.