Süddeutsche Zeitung

Zahnmedizin:Trickreiche Füllung: Karies-Löcher schließen sich von selbst wieder

  • Forscher haben in einer Studie einen Ansatz vorgestellt, der die Selbstheilung von Zähnen beeinflusst.
  • Ziel ist es, Karieslöcher eines Tages mit körpereigenem Material zu verschließen.
  • Von einer Anwendung am Menschen ist die Methode allerdings noch weit entfernt.

Von Felix Hütten

Ein potenzielles Alzheimer-Medikament könnte zur Hoffnung im Kampf gegen Karies werden. Forscher vom Kings College in London haben gezeigt, dass der experimentelle Wirkstoff gegen Demenz Zähnen hilft, sich selbst zu heilen. Im Fachblatt Scientific Reports beschreiben die Wissenschaftler, wie sie damit Löcher in den Zähnen von Mäusen ohne Zement, Kunststoff oder Edelmetall wieder verschließen können.

Das Forscherteam um Paul Sharpe arbeitet seit Jahren daran, gezielt einen Selbstheilungsprozess in von Karies zerfressenen Zähnen anzustoßen und als Behandlungsmethode zu etablieren. In ihrer jetzt vorgestellten Studie hat die Gruppe kleine Löcher in Zähne von Mäusen gebohrt und dorthinein Kollagenschwämmchen mit dem Wirkstoff gestopft, der über einen Signalweg Stammzellen im Zahnmark stimuliert. Aus den Zellen schließlich entsteht körpereigenes Dentin, das Löcher nach und nach schließen soll.

Was nach einem bahnbrechenden Ansatz klingt, ist von einer klinischen Anwendung am Menschen noch weit entfernt

Dass Zähne dank solcher Stammzellen kleine Schäden selbst beheben können, ist bereits länger bekannt. In dem Versuch mit Mäusen ist es den Forschern gelungen, diesen Prozess nicht nur anzustoßen, sondern auch gezielt wieder zu beenden. Die Kollagenschwämmchen lösten sich mit der Zeit auf, dadurch sank die Konzentration des Wirkstoffs und die Dentin-Bildung stoppte. Am Ende des Versuchs waren die Schwämmchen verschwunden - und die Löcher verschlossen.

"Der einfache Ansatz ist ideal für die natürliche Behandlung von großen Löchern", sagt Sharpe. Hoffnung auf Erfolg machen sich die Forscher auch deshalb, weil das in der Studie verwendete Medikament bereits am Menschen getestet wurde und sich dabei bislang keine schweren Nebenwirkungen gezeigt haben.

Doch was zunächst nach einem bahnbrechenden Ansatz klingt, ist von einer klinischen Anwendung am Menschen noch weit entfernt. Offen ist beispielsweise, wie sich das Verfahren auf den Menschen übertragen lässt. Karieslöcher in menschlichen Zähnen sind deutlich größer als die im Experiment gebohrten. Während die Dentin-Bildung in der Mausstudie bereits nach etwa sechs Wochen abgeschlossen war, könnte beim Menschen ein Jahr vergehen.

Hinzu kommt, und das wird die Vorfreude der allermeisten Patienten zunichte machen: Selbst wenn die Methode eines Tages am Menschen getestet werden kann - um den Kariesherd zu entfernen, muss der Zahnarzt trotzdem noch immer bohren.

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Quelle:
SZ vom 12.01.2017/fehu
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