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Xenotransplantation:"Wir haben um einzelne Worte gerungen"

Dass bei der Bürgerkonferenz lebhaft und kontrovers diskutiert wurde, machte der Teilnehmer Marius Zeeb mit Blick auf die Formulierung des gemeinsamen Bürgervotums deutlich: "Wir haben um einzelne Worte gerungen", sagte der Biotechnologie-Student, der während des dreimonatigen Diskussionsprozesses selbst zwischen Zustimmung und Ablehnung geschwankt hatte. Er verstehe sich eigentlich als Tierschützer, sagte Zeeb, aber er sehe als Biotechnologe auch die Vorteile der Xenotransplantation.

Auch das Publikum wollte an diesem Abend mehr zu der Abwägung zwischen Patientenwohl und möglichem Tierleid wissen. Etwa zu den Bedingungen, unter denen die Tiere gehalten werden, die dann als Spender von Zellen oder Organen dienen. Wie der Tiergenetiker Eckhard Wolf von der Universität München erklärte, sind die für Xenotransplantationen gezüchtete Schweine genetisch verändert und erhalten speziell behandeltes Futter. Etwa 50 Prozent dieser Schweine werden gegenwärtig nicht gebraucht - und daher getötet. Im Vergleich zur Lebensmittelgewinnung, bei der jedes Jahr Millionen Schweine geschlachtet werden, handle es sich dabei aber um die Größenordnung von einem Dutzend jährlich, sagte Wolf, der Sprecher des Sonderforschungsbereichs Xenotranplantation.

Es gebe kein Lebewesen, das nicht auf Kosten eines anderen lebe, sagte der Moraltheologe Jochen Sautermeister von der Universität Bonn. Es sei eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz, ob man Nutztiere halten wolle, was eben auch den Tod der Tiere beinhalten könne. "Wenn wir das gesellschaftlich akzeptieren, dann ist es inkonsequent, es nicht auch bei der Xenotransplantation so zu machen", fügte Sautermeister hinzu.

Für ihn sei wichtig, dass Menschen nicht nur länger, sondern auch besser leben, sagte der Chirurg Bruno Reichart. Bei den Alternativen zur Übertragung tierischer Organe sieht der Herzspezialist viele Probleme. Dass derzeit dreimal mehr künstliche Herzunterstützungssysteme eingebaut werden als Herzen verpflanzt, geschehe "aus Verzweiflung" über den Mangel an Organspendern, sagte Reichart. Dabei sei die Komplikationsrate nach dem Einsetzen von Kunstherzen sehr hoch, insbesondere das Risiko für Infektionen und Hirnembolien. Reichart sagte, er gehe davon aus, dass Patienten, denen tierische Organe übertragen werden, dagegen "gut und sehr lange" weiterleben könnten. Paviane, denen die Herzen gentechnisch veränderter Schweine eingesetzt wurden, haben bereits bis zu 180 Tage überlebt. Wenn sich diese Überlebenszeiten in Serie wiederholen lassen, halten es laut dem Medizinethiker Marckmann Experten für vertretbar, eine Anwendung am Menschen zu planen.

In dem Maße, in dem die Forschung vom Labor immer näher an das Krankenbett rückt, werden Fragen nach den Auswirkungen dieser Eingriffe lauter. So wurde an diesem Abend auch darüber diskutiert, was es für die menschliche Identität bedeutet, mit einem Tierherzen zu leben. Die Teilnehmer der Bürgerkonferenz betonten, wie wichtig die psychologische Unterstützung der Patienten sein werde. Auch für den Moraltheologen Sautermeister ist es entscheidend, die Übertragung eines Tierorgans mit der individuellen Lebensgeschichte der Patienten in Einklang zu bringen.

© SZ vom 31.05.2019

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