Wissenschaftsgeschichte Die Forschung an der Pflanze führte zu unbekannten Vorgängen im Menschen

Allzu viel traut Mechoulam den Start-ups nicht zu. "Sie forschen ein wenig und dann verkaufen sie." Außerdem hat der Professor seit dem historischen Kuchenessen streng getrennt: den Freizeitgebrauch und die Medizin. Er pflegt eine nüchterne Beziehung zu seinem Sujet. "Ich habe nie geraucht und trinke kaum mal ein Glas Wein", sagt der Chemiker. Nicht einmal als das Haschisch kiloweise in seinem Labor herumlag, will er in Versuchung geraten sein. Er hege keine großen Gefühle für die Pflanze, ihn treibe die Wissenschaft. Mechoulam zieht ein Lexikon aus dem Regal: "Das sind alles Heilpflanzen. Wer weiß, was in ihnen steckt?" Pflanzen haben kein Immunsystem, aber Millionen Stoffe, mit denen sie sich verteidigen. "Mit Glück reagiert einer auf unser System." In der Einleitung zu einem Buch fragte er: Übersehen wir etwas?

Eine Antwort lieferte wenig später eine US-Forscherin. Sie fand das lang gesuchte Schlüsselloch, einen Rezeptor, an den die Cannabinoide andockten. Es war klar, dass das menschliche Gehirn keinen Rezeptor für eine pflanzliche Substanz hat. Da mussten Stoffe sein, die wir selbst produzieren. Mechoulam beschloss, sie zu finden. Mit seinem Team trieb er den Preis von Schweinehirn in die Höhe, in Israel nicht gerade leicht aufzutreiben. "Schweine sind den Menschen sehr ähnlich", sagt er. "Auch wenn das den Schweinen wahrscheinlich nicht gefällt."

1992 gelang es ihm und seinem Team, einen körpereigenen Stoff zu identifizieren, der an den Rezeptor koppelt: ein Endocannabinoid. Weil sie vermuteten, dass der Stoff wie das THC die Gefühle beeinflusst, tauften sie ihn Anandamid, nach dem Sanskrit-Wort für Glückseligkeit.

Endocannabinoide sind die Lautstärkeregler der Synapsen

"Man weiß nie, wo Forschung endet - nur wo sie beginnt", sagt Mechoulam. Die Erforschung der Pflanze war nur das erste Kapitel, sie führte ihn zu zuvor unbekannte Vorgängen im Körper. Der erste Rezeptor fand sich hauptsächlich an Zellen im Hirn und im zentralen Nervensystem. Während das THC ihn mit seiner Struktur nur zufällig in Beschlag nimmt, docken die Endocannabinoide gezielt an, um Botschaften weiterzugeben. Sie sind die Lautstärkeregler an den Synapsen. Ein zweiter Rezeptor häuft sich an den Organen, die die Immunabwehr beeinflussen. Inzwischen glaubt man, dass die Endocannabinnoide sowohl Hirnfunktionen wie Gedächtnis, Balance und Bewegung steuern, als auch die Nervenzellen schützen - und das Wohlbefinden im Gleichgewicht halten.

Womöglich lernen Mediziner bald, dieses System selbst zu programmieren. Während die Cannabinoide lange im Körper bleiben, werden ihre endogenen Gegenstücke von Enzymen produziert oder zerlegt. Ziemlich praktisch also. "Wir haben hier ein perfektes Medikament", sagt Mechoulam: "Ein Mittel, das der Körper selbst produziert und abbaut."

Vor Kurzem entdeckte ein deutscher Forscher, dass Schizophrene zu Beginn ihres Leidens ein ungewöhnlich hohes Level an Anandamid aufweisen, das mit dem Fortschreiten der Krankheit sinkt. Womöglich schüttet der Körper den Stoff aus, um die Symptome zu kontrollieren. Das THC allerdings scheint die Rezeptoren weniger sensibel für Anandamid zu machen.

Mechoulam wundert sich zwar, dass es immer noch keine klinischen Studien zu dem Stoff gibt, den nur die Entdeckungsgeschichte mit der Droge Haschisch verbindet. Doch er nimmt seine eigene Zunft nicht aus. "Wir Wissenschaftler sollten nicht zu stolz auf uns sein", sagt er. Seine wichtigste Entdeckung hat ihn Demut gelehrt: "Es ist verrückt, dass wir diese relativ einfachen, aber so entscheidenden Moleküle nicht schon vor hundert Jahren gefunden haben!" Erst 2013 resümierten Forscher des NIH, dass das Endocannabinoid- System bei vielen menschlichen Krankheiten eine Rolle spiele. Für Mechoulam ein Ritterschlag. Schließlich hatte ihn dasselbe Institut 50 Jahre zuvor abgewiesen.

Keiner hat die Pflanze so ausdauernd untersucht wie Rafael Mechoulam. Immer wieder tauchen neue Puzzleteile auf: zuletzt Stoffe, die den Endocannabinoiden ähneln, aber woanders andocken. Einer scheint sich als Mittel gegen Osteoporose zu erweisen, ein anderer die Heilung von Schädeltraumata zu beschleunigen. "So weit sind wir im Moment, in zehn Jahren werden wir mehr wissen", sagt Mechoulam: "Ich werde nicht mehr dabei sein. Aber so ist das nun mal."

Was hat ihn am Laufen gehalten? Zwischen Qual und Lust liegt für Langstreckenläufer nur der nächste Schritt. Das Runner's High. Auch dabei soll übrigens Anandamid ausgeschüttet werden. Der Professor ist noch nicht auf der Zielgeraden.

Sucht und Drogen Der Hype um den Hanf

Medizin

Der Hype um den Hanf

Seit sieben Monaten können Patienten Cannabis auf Rezept bekommen - die Nachfrage ist enorm. Doch Mediziner streiten darüber, ob Gras überhaupt als Medikament taugt.   Von Kim Björn Becker