WHO-Schätzung zur Übersterblichkeit:Corona kostete fast 15 Millionen Menschenleben

Lesezeit: 2 min

WHO-Schätzung zur Übersterblichkeit: In einem Krematorium in Celle stapeln sich Särge von Verstorbenen, die mit oder an dem Coronavirus gestorben sind. (Archivbild von Januar 2021)

In einem Krematorium in Celle stapeln sich Särge von Verstorbenen, die mit oder an dem Coronavirus gestorben sind. (Archivbild von Januar 2021)

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Nach einer Analyse der WHO sind im Laufe der Pandemie deutlich mehr Menschen gestorben als offiziell erfasst.

Von Berit Uhlmann

Die Corona-Pandemie könnte nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO etwa 2,7 Mal so viele Menschenleben gekostet haben wie offiziell registriert. In den Jahren 2020 und 2021 sind nach einer Analyse der Behörde etwa 14,9 Millionen Menschen gestorben. Die offizielle Covid-19-Statistik der WHO weist für diesen Zeitraum etwa 5,5 Millionen Todesopfer aus.

In der neuen Schätzung sind nicht nur die Menschen berücksichtigt, die am oder mit dem Virus starben, sondern auch die indirekten Opfer der Pandemie - Menschen beispielsweise, die nicht rechtzeitig Impfungen oder Behandlungen gegen andere Erkrankungen erhalten konnten. Diese Übersterblichkeit wird ermittelt, indem die Zahl aller Gestorbenen mit der verglichen wird, die man ohne die Pandemie auf Datenbasis der vergangenen Jahre erwarten würde.

Die höchste Übersterblichkeit registrierte die WHO in Schwellenländern. 81 Prozent aller weltweiten zusätzlichen Todesfälle entfielen auf diese Staaten. Industriestaaten trugen zu 15 Prozent und Länder mit geringem Einkommen zu vier Prozent zu den zusätzlichen Todesfällen bei. Für Deutschland weist die WHO-Analyse etwa 200 000 zusätzliche Todesfälle im Beobachtungszeitraum aus; das sind etwa doppelt so viele wie in der Covid-Statistik angegeben.

"Diese ernüchternden Daten zeigen nicht nur die Auswirkungen der Pandemie, sondern auch die Notwendigkeit für alle Länder, in widerstandsfähigere Gesundheitssysteme zu investieren", sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Dazu gehörten auch bessere Systeme zur Dokumentation von Gesundheitsdaten. Denn das ermittelte Plus an Todesfällen geht nicht allein auf die indirekten Folgen der Pandemie zurück, sondern auch auf eine unzureichende Erfassung von Todesfällen.

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Mehr als 70 Länder hätten keine Todesursachen-Statistik, sagte WHO-Vertreter Stephen MacFeely bei der Vorstellung des Berichts am Donnerstag. Im 21. Jahrhundert sei ein solcher Befund "schockierend". Denn eine unzuverlässige Erfassung der Todesfälle ist mehr als eine simple Wissenslücke. Sie könne beispielsweise zu einer unzureichenden Finanzierung des Gesundheitssystems führen, warnte Samira Asma, die bei der WHO für die Datenanalyse zuständig ist. Eine weitere Gefahr sei, dass diejenigen, die am dringendsten Hilfe brauchen, nicht identifiziert werden können. Und schließlich bedeute die Untererfassung auch, dass man dem entstandenen Leid nicht gerecht werden könnte.

In manchen Ländern starben weniger Menschen, als zu erwarten gewesen wäre

In vielen Ländern dürfte Ressourcenmangel ein Grund für löchrige Statistiken sein. Doch auch politische Motive könnten eine Rolle dabei spielen, wie zuverlässig Zahlen offengelegt werden. So berichtete die New York Times vor Kurzem, dass Indien keine kompletten Todesdaten an die WHO übersandt habe, die Schätzungen der Behörde aber anzweifelte, was letztlich zu einer verspäteten Veröffentlichung des Berichtes geführt habe. Die WHO-Schätzung weist knapp fünf Millionen zusätzliche Todesfälle für Indien aus.

Erst vor einigen Wochen hatte ein internationales Forscherteam eine Übersterblichkeitsschätzung für den gleichen Zeitraum vorgelegt - und dabei etwas höhere Zahlen angegeben. Ihren Analysen nach waren in den ersten zwei Pandemiejahren 18,2 Millionen Todesopfer zu beklagen.

Diese Analyse hatte wie auch die aktuelle WHO-Schätzung große Unterschiede zwischen den Ländern gezeigt. Es gab demnach auch Staaten - darunter Australien und Neuseeland - in denen weniger Menschen starben, als zu erwarten gewesen wäre. Möglicherweise haben dort strenge Schutzmaßnahmen gegen Sars-CoV-2 auch andere Gesundheitsprobleme wie Grippeerkrankungen, Verkehrsunfälle und Feinstaubbelastung verhindert.

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