WHO-Studie zu Bewegungsmangel Die Welt wird krankhaft sesshaft

Zu wenig Bewegung ist in erster Linie ein Wohlstandsproblem.

(Foto: imago/Westend61)
  • Mehr als ein Viertel der erwachsenen Weltbevölkerung, 1,4 Milliarden Menschen, bewegen sich zu wenig, zeigt eine aktuelle Studie.
  • Ihnen drohen Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, manche Krebsarten sowie etliche weitere Krankheiten, warnt die Weltgesundheitsorganisation.
  • Mit zunehmendem Wohlstand drohen nun sogar in Schwellenländern jene Leiden, die der Westen längst kennt.
Von Werner Bartens

Als Jules Verne im Jahre 1873 den englischen Exzentriker Phileas Fogg und seinen Diener Passepartout in 80 Tagen um die Welt reisen ließ, benutzten die Romanhelden zwar diverse technische Verkehrsmittel. Doch die kleine Reisegruppe war auch auf störrischen Elefanten, rasanten Schlitten und zu Fuß unterwegs. Zudem mussten Fogg und Passepartout ständig vor Polizisten, Detektiven und aufgebrachten Einheimischen fliehen, sodass für ihre körperliche Aktivität ausreichend gesorgt war. Um sie herum wuselten und rannten die Menschen hin und her; der Globus war in Bewegung. Wären die beiden Abenteurer heute rund um den Erdball unterwegs, würden sie sich wohl wundern, wie träge die Weltbevölkerung mittlerweile geworden ist.

Gerade hat die Weltgesundheitsorganisation WHO alarmierende Zahlen veröffentlicht. Wissenschaftler um Regina Guthold zeigen im Fachmagazin The Lancet Global Health, dass sich 1,4 Milliarden Menschen und damit mehr als ein Viertel der erwachsenen Weltbevölkerung zu wenig bewegen - und deshalb schon bald vermehrt Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, manche Krebsarten sowie etliche weitere Krankheiten drohen. "Anders als andere große Risiken für die Gesundheit, die mittlerweile sinken, nimmt der Bewegungsmangel weltweit nicht ab", sagt Präventionsexpertin Guthold, die in der WHO-Zentrale in Genf tätig ist. "Im Durchschnitt erreicht mehr als ein Viertel aller Erwachsenen nicht den Level an körperlicher Aktivität, der aus gesundheitlichen Gründen angeraten wäre."

Der Grad der Sesshaftigkeit nimmt überall zu

Die Unterschiede rund um den Globus sind zwar noch erstaunlich ausgeprägt, aber der Grad der Sesshaftigkeit nimmt überall zu. In einigen Ländern sind gar mehr als die Hälfte der Erwachsenen nicht ausreichend aktiv. Am wenigsten Bewegung haben die Menschen in Kuwait (67 Prozent), Saudi-Arabien (53 Prozent), dem Irak (52 Prozent) und Amerikanisch-Samoa (53 Prozent). Aber auch in vielen wohlhabenden westlichen Staaten sowie in Brasilien, Argentinien und Kolumbien liegt der Anteil der Inaktiven bei mehr als 40 Prozent.

Für Deutschland ermittelten die Forscher wenig schmeichelhafte Daten. Mehrere Erhebungen zwischen 2002 und 2016 zeigten, dass sich erstaunliche 42 Prozent der Erwachsenen zu wenig bewegen; darunter 40 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen. Für die USA liegen die Zahlen bei 40 Prozent - aufgeteilt in 32 Prozent der Männer und 48 Prozent der Frauen. "Wir schauen immer auf die USA herab mit ihren angeblich so vielen Dicken und Trägen, aber so viel besser sind wir in Deutschland gar nicht, im Gegenteil", sagt Martin Halle, Chef der Sportmedizin an der Technischen Universität München. "Wir liegen weltweit in der zweithöchsten Kategorie des Bewegungsmangels. Skandinavien und unsere Nachbarländer stehen im Vergleich deutlich besser da." In Schweden liegt der Anteil der Erwachsenen, die sich zu wenig bewegen, bei schlanken 23 Prozent. In Finnland sind es sogar nur 17 Prozent. Die Schweiz liegt bei 24 Prozent, Österreich bei 30 Prozent, die Niederlande bringen es auf 27 Prozent - alles Zahlen, die deutlich unter dem Anteil der Inaktiven in Deutschland liegen.

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Halle fordert ein Umdenken und mehr Bewusstsein dafür, wie wichtig Bewegung ist. "Wir tun die um sich greifende Inaktivität in Deutschland sehr schnell ab", sagt der Sportmediziner. "Aber viele Jugendliche können nicht mehr richtig schwimmen, keinen Ball vernünftig werfen, und jede vierte Sportstunde fällt aus." Diese Befunde spiegeln laut Halle den Zustand unsere Gesellschaft wider - es werden Schwimmbäder geschlossen, Kinder von den Eltern zur Schule gefahren, statt zu laufen oder zu radeln, Jugendliche bleiben zu Hause vor dem Computer, anstatt draußen unterwegs zu sein. "Die Bewegung im Alltag ist immer weniger selbstverständlich geworden, die Inaktivität nimmt zu."

In der weltweiten Analyse zeigt sich auch, dass in Regionen mit hohen Einkommen im Durchschnitt 37 Prozent der Menschen zu wenig aktiv sind, in Staaten mit niedrigem Einkommen sind es hingegen nur 16 Prozent. In den besonders armen Ländern Afrikas wie Uganda, Tansania oder Mosambik trifft dies sogar nur auf sechs Prozent der Bevölkerung zu. Bewegungsmangel ist bisher tatsächlich in erster Linie ein Wohlstandsproblem - mit entsprechenden Zivilisationskrankheiten als Folge.

In der Zeit von 2001 bis 2016 ist der Anteil der inaktiven Erwachsenen weltweit mit ungefähr 28 Prozent zwar in etwa konstant geblieben. In den wohlhabenden Staaten des Westens hat er sich hingegen von 31 auf 37 Prozent erhöht. Den größten Anteil daran hat der WHO-Analyse zufolge neben den USA, Neuseeland, Brasilien und Argentinien - vor allem Deutschland.