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Corona-Varianten:B.1.1.7 soll nun Alpha heißen

FILE PHOTO: Transmission electron microscope image shows SARS-CoV-2, also known as novel coronavirus

Elektronenmikroskopische Aufnahme des Coronavirus.

(Foto: Niaid-RML/via Reuters)

Die WHO hat neue Bezeichnungen für die Mutanten von Sars-CoV-2 ausarbeiten lassen. Warum sich die Namenssuche als ziemlich schwierig erwies.

Von Berit Uhlmann

Wenn Sars-CoV-2 es schafft, neue, besorgniserregende Varianten zu bilden, dann nehmen meist nicht nur deren Fallzahlen, sondern auch deren Namen zu. Die im September 2020 erstmals in Großbritannien entdeckte Mutante beispielsweise wurde in ihrer Heimat zunächst VUI 202012/01 genannt; die Buchstaben stehen für "Variant Under Investigation", also für eine noch zu untersuchende Variante. Als ihr Gefährdungspotenzial deutlich wurde, bekam sie den Namen VOC 202012/01, sie wurde damit als erste "Variant of Concern", also eine besorgniserregende Variante, gelabelt. Parallel dazu griffen verschiedene wissenschaftliche Konsortien auf ihre eigenen Nomenklatur zurück und vergaben mit B.1.1.7 und 20I/501Y.V1 weiter Namen. Der Volksmund wählte unterdessen saloppere Bezeichnungen und nannte die Mutanten nach dem Ort ihrer Entdeckung britische oder Kent-Variante. Solche Rückgriffe auf die Geografie aber gelten als potenziell stigmatisierend, weshalb die Weltgesundheitsorganisation WHO der Variante nun einen weiteren Namen verleiht: Alpha.

Analog dazu soll die in Südafrika entdeckte Mutante B.1.351 nun Beta heißen; P.1 - erstmals in Brasilien aufgetaucht - soll Gamma genannt werden. Die WHO ermutige die Mitgliedsstaaten, diese Namen anzunehmen, da sie die öffentlichen Diskussionen über die Varianten erleichterten, schrieb die WHO-Epidemiologin Maria Van Kerkhove auf Twitter. Unbenommen davon bleiben die wissenschaftlichen Bezeichnungen.

Die Neubenennung entlang des griechischen Alphabets ist das Ergebnis monatelanger Beratungen. Die WHO hatte eigens eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um ein einfaches und unverfängliches Namenssystem zu entwickeln. Das Vorhaben erwies sich jedoch als schwieriger als gedacht. Die Idee von der Durchnummerierung der Varianten wurde als zu verwirrend verworfen, da bereits die wissenschaftlichen Nomenklaturen Ziffern verwenden. Auch der Vorschlag, griechische Götter als Namenspaten zu wählen, konnte sich nicht durchsetzen, ebenso wenig der Versuch, Fantasienamen zu erschaffen. Diese hatten zudem den Nachteil, dass sie sich bisweilen als schon vergeben herausstellten; sie existierten längst als Familien-, Orts- oder Firmennamen. So einigte man sich schließlich auf das griechische Alphabet.

Noch ist unklar, wie es weitergeht, wenn das Alphabet aufgebraucht ist

Bislang sind mit Alpha bis Kappa zehn Buchstaben vergeben. Das lässt noch 14 weitere Buchstaben übrig. Wie die Benennung weitergeht, wenn die griechischen Zeichen aufgebraucht sind, ist im Detail noch nicht klar. Es würde dann eine weitere Namensliste verkündet, sagte Kerkhove laut Statnews.

Erste Reaktionen fielen eher skeptisch aus. Florian Krammer, Virologe der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York, kritisierte auf Twitter: Zeta, Eta und Theta seien leicht zu verwechseln. Andere spotteten, man müsse jetzt hoffen, dass nicht irgendwann eine griechische Variante auftauche.

Dass die Bezeichnung von Erregern oder Krankheiten heikel ist, weiß man schon lange. Als die Syphilis Ende des 15. Jahrhunderts durch Europa zog, sprachen die Franzosen von der "Italienischen Krankheit", den Italienern wiederum galt sie als "Morbus Gallicus". Die Grippe-Pandemie von 1918/19 ist für immer mit Spaniens Namen verbunden, dabei begann sie gar nicht in dem südeuropäischen Staat. Oft entstanden solche Namen aus dem Reflex, die Krankheit jenseits der eigenen Grenzen zu verorten und die Schuld bei den anderen zu suchen. Dass dies bis heute gilt, zeigte der ehemalige US-Präsident Donald Trump mit seiner unablässigen Erwähnung des "Wuhan-Virus". Auch offizielle Bezeichnungen wie Middle East respiratory syndrome (Mers) können ganze Regionen als gefährliches Gebiet erscheinen lassen - und so Tourismus und Handel empfindlich treffen.

Die Richtlinien der WHO sehen daher seit 2015 vor, dass sich Namen für neue Erreger oder Krankheiten nicht auf geografische Regionen, Tiere oder spezifische Menschen beziehen sollen. Dass dies nicht einfach ist, zeigte sich bereits Anfang 2020. Es dauerte sechs Wochen, ehe das "neuartige Coronavirus" und die "mysteriösen Lungenerkrankungen" endlich ihre offiziellen Namen bekamen: Sars-CoV-2 und Covid-19.

© SZ
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