Corona-Pandemie:WHO vermutet Fledermaus als ersten Wirt des Virus

Corona-Pandemie: Das Hochsicherheitslabor in Wuhan spielte nach Einschätzung internationaler Experten keine Rolle beim Ausbruch der Corona-Pandemie.

Das Hochsicherheitslabor in Wuhan spielte nach Einschätzung internationaler Experten keine Rolle beim Ausbruch der Corona-Pandemie.

(Foto: JOHANNES EISELE/AFP)

Die Weltgesundheitsorganisation präsentiert in Wuhan Ergebnisse der Suche nach dem Ursprung des Coronavirus. Einen Laborunfall halten die Experten für "extrem unwahrscheinlich".

Von Hanno Charisius

Vor gut vier Wochen reiste eine internationale Gruppe im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO nach China, um den Ursprung der neuen Coronaviren zu ergründen, die dort vor einem Jahr ihren weltweiten Seuchenzug starteten. Am Dienstag stellte die Gruppe erste Ergebnisse des Besuchs in einer Pressekonferenz vor. Wie bereits erwartet worden war, ist der Erkenntnisgewinn der Virusjagd bislang gering. Wie das Virus nach Wuhan kam, wo es im Dezember 2019 erstmals entdeckt wurde, ist noch immer unklar.

Dass die Pressekonferenz mit mehr als einer Stunde Verspätung begann, ist bezeichnend für die gesamte internationale Ursachenforschung in China. Erst nach monatelangen Verzögerungen und ungewöhnlich heftiger Kritik auch vonseiten der WHO kam das 13-köpfige internationale Team Mitte Januar in China an, um dann für mehr als zehn Tage in Hotelquarantäne zu verschwinden.

Am Dienstag wurde dann viel über Dinge gesprochen, die man bislang noch nicht weiß. Das WHO-Team konnte in Zusammenarbeit mit der chinesischen Delegation keinen Hinweis darauf finden, dass Sars-CoV-2 bereits vor den ersten gemeldeten Fällen im Dezember 2019 weit in China zirkulierte. Das steht im Widerspruch zu Medienberichten über einzelne Menschen, die womöglich bereits im November 2019 an der neuartigen Lungenkrankheit litten. Doch weder in Patientenakten aus dem Herbst 2019 noch in alten Blutproben habe es Hinweise darauf gegeben, dass der Ausbruch deutlich früher begann, als bislang vermutet wurde, sagte Liang Wannian von der chinesischen nationalen Gesundheitskommission, der das chinesische Team leitete. Das betonte auch der WHO-Experte für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit, Peter Ben Embarek, der die internationale Delegation leitete. Berichten aus diversen Ländern, nach denen dort das Virus bereits vor Dezember 2019 Menschen krank gemacht haben könnte, solle jedoch nachgegangen werden.

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Embarek fasste die vier Wochen in Wuhan so zusammen: Das Ziel der Reise sei gewesen zu verstehen, was im Dezember 2019 in Wuhan passiert ist. "Hat sich unser Bild jetzt dramatisch verändert? Das glaube ich nicht. Aber wir haben wichtige Details hinzugefügt." Die Analyse der genetischen Sequenzen der ersten gefundenen Viren zeige, dass es zwar bislang unbekannte Übertragungen der Viren auch außerhalb des Huanan-Marktes gab, sagte Liang Wannian, doch zu einer unentdeckten großflächigen Ausbreitung sei es wahrscheinlich nicht gekommen. Wie das Virus nach Wuhan und auf den Huanan-Markt kam, lasse sich auf Basis der bisherigen Informationen nicht bestimmen. Es sei das typische Bild eines frühen Ausbruchs, sagte Embarek, "es begann mit vereinzelten Fällen im frühen Dezember, und später sehen wir die ersten Ausbruchscluster wie auf dem Huanan-Markt".

Alles deutet auf ein natürliches Reservoir der Viren hin

Vier Hypothesen zum Ursprung der Viren formulierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Reisegruppe der WHO mit ihren chinesischen Kolleginnen und Kollegen. Das Virus könnte direkt von einem Tier auf Menschen gesprungen sein. Fledermäuse tragen Erreger, die Sars-CoV-2 zumindest ähneln. Als wahrscheinlicher gilt jedoch, dass es ein Tier als Wirt zwischen dem eigentlichen Ursprung und dem Menschen gab. Dieser Zwischenwirt könnte ein Tier sein, das von Menschen gezüchtet wird und für das Virus empfänglich ist. Diese Hypothese betrachtet Embarek als die stärkste. Alles deute auf ein natürliches Reservoir dieser Viren hin, doch einen direkten Sprung von Fledermäusen auf Menschen mitten in Wuhan hält er für unwahrscheinlich. Sein Kollege Wannian betonte eine weitere Option, nach der das Virus auf tiefgefrorenen Produkten nach Wuhan gereist sein könnte. Tiefkühlware wurde auf dem Huanan-Markt neben Tieren, Fleisch und Fisch auch gehandelt. Und schließlich die vierte Hypothese: ein Ausbruch aus einem Hochsicherheitslabor.

Die letzte Hypothese werde man nach gründlicher Abwägung der Indizien nicht weiter verfolgen, sagte Embarek, Details dazu sollen im Bericht der Delegation stehen, der bald veröffentlicht werde. "Laborunfälle können passieren", sagte Embarek, dafür gebe es Beispiele aus der ganzen Welt. Seine Reisegruppe habe das Wuhan Institute of Virology mit seinem Hochsicherheitslabor besucht, und man halte es für "sehr unwahrscheinlich, dass dort etwas ungewollt herauskommt". Zudem gebe es keine Hinweise darauf, dass an Sars-CoV-2 zuvor gearbeitet wurde, es gebe keine Veröffentlichungen oder Beschreibungen.

Zu der Vermutung, dass das Virus auf Tiefkühlware von einem fernen Ursprungsort nach Wuhan gereist sein könnte, sagte Embarek: "Wir wissen, dass das Virus sehr kalte Temperaturen gut übersteht. Was wir wirklich nicht verstehen, ist, wie das Virus sich von solchen Produkten auf Menschen übertragen könnte." Bislang ist nur eine Übertragung über die Atemwege bekannt - nicht jedoch durch den Verdauungstrakt.

© SZ/nien
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