WHO-Bericht übers Altwerden 70 ist noch lange nicht das neue 60

  • Die WHO hat einen Bericht über das Altern veröffentlicht. Erstmals haben die meisten Menschen eine Lebenserwartung von mindestens 60 Jahren.
  • Dafür sind wissenschaftliche Fortschritte in Medizin, Ernährung und Technik verantwortlich.
  • Politik und Gesundheitswesen müssten jetzt dafür sorgen, dass Menschen auch bis ins hohe Alter gesund bleiben können.

Am Mittwoch hat die WHO ihren ersten "Weltbericht über Altwerden und Gesundheit" veröffentlicht. "Zum ersten Mal in der Geschichte", schreibt WHO-Generaldirektorin Margaret Chan im Vorwort, "können die meisten Menschen erwarten, weit in die Sechziger und darüber hinaus zu leben."

Mehr und bessere Nahrung, die Entwicklung von Insulinlösungen und Antibiotika, weniger körperlich schwere Arbeit durch moderne Technik: Etliche Faktoren haben dazu geführt, dass viele Menschen deutlich länger leben als früher. Forscher sprechen gar von einem "geschenkten Jahrzehnt" an Lebenszeit.

Doch bei allen Fortschritten der Pharmaforschung und Medizintechnik ist nach Ansicht der WHO-Experten der weit verbreitete Slogan "70 ist das neue 60" völlig daneben. Das Altern von Körper und Geist sei damit nicht abgeschafft.

Schon gar nicht seien es die alterstypischen Krankheiten. Umfassendere Datenerhebungen stehen dazu noch aus, aber längst ist klar, dass eine längere Lebenszeit oft mit erheblichen Beeinträchtigungen durch mehrere nicht heilbare Leiden einhergeht. So leiden in Deutschland nahezu ein Viertel aller 70- bis 85-Jährigen gleich an fünf oder mehr Krankheiten.

Alte Menschen kosten nicht, sie bringen Geld

"Schon jetzt macht allein der Anteil der über 60-jährigen Krankenhauspatienten 50 Prozent aus - obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 27 Prozent beträgt", sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Das erfordere eher begleitende und lindernde Behandlung und Pflege als teure Hochleistungsmedizin. "Doch nur für die Spitzenmedizin steigen die Ausgaben. Diese Fehlentwicklung muss die Politik korrigieren."

Das deckt sich mit Forderungen des WHO-Berichts, der unter anderem ein Defizit bei pflegerischer Betreuung für Ältere kritisiert. Insgesamt empfiehlt die WHO die Abkehr von einer Gesundheitspolitik, die den Fokus vor allem auf die Behandlung einzelner Krankheiten legt. Nötig sei eine "integrierte Fürsorge, die Menschen in die Lage versetzt, das höchstmögliche Maß an physischen und geistigen Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten". Erst dann bestehe Hoffnung, dass eines Tages wirklich "70 das neue 60" ist.

Die WHO räumt zwar ein, dass die Maßnahmen mehr Geld als bisher benötigten. Dabei verweist sie aber auf eine Studie aus Großbritannien. Dort wurden für das Jahr 2011 die Gesamtkosten für Pensionen und die medizinische sowie soziale Betreuung alter Menschen mit der Summe verrechnet, die sie durch Steuern, Ausgaben für den Konsum und andere wirtschaftlich nützliche Aktivitäten erbracht hatten. Laut WHO ergab sich ein geschätzter Netto-Beitrag in Höhe von 40 Milliarden Pfund (54 Milliarden Euro).