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Verhaltenstherapie der Nikotinsucht:"Rauchen hat eine Funktion"

Viele wollen es, nur wenigen gelingt es: endlich aufhören zu rauchen. Oft ist die Sucht stärker als der Wille. Ein Psychologe erklärt, warum man erst würdigen muss, was man am Rauchen hat, bevor man aufhören kann.

Von Nina Buschek

Christoph Kröger ist Psychologe und Psychotherapeut. Er leitet die Forschungsgruppe Tabakabhängigkeit am Institut für Therapieforschung in München und hat schon mehrere Raucherentwöhnungsprogramme mit entwickelt. Im Gespräch mit Süddeutsche.de erläutert er, wie jeder seinen eigenen Weg aus der Sucht finden muss und wann man sich als Nichtraucher bezeichnen kann.

Süddeutsche.de: Die Mehrheit der Raucher will - zumindest prinzipiell - mit dem Rauchen aufhören. Was raten Sie ihnen?

Christoph Kröger: Das ist ganz schwer zu sagen, weil jeder Raucher anders ist. Jeder raucht aus unterschiedlichen Gründen und hat andere Motive aufzuhören. Ich würde als erstes empfehlen: "Probier's mal alleine. Nimm' Dir vor aufzuhören. Und höre auf." Aber ohne Hilfsmittel. Vielleicht einen Ratgeber lesen und sich im Internet informieren - das ist sicher hilfreich. Und zu schauen, ob das geht.

Klingt einfach ...

Ist es aber nicht. Und oft klappt es auch nicht. Weil man die Sucht unterschätzt hat. Denn die Sucht ist sehr groß. Es ist wie mit einem Sog im Meer. Wenn man ihn unterschätzt, weil man denkt "Ich kann ja gut schwimmen und bin kräftig", aber man wird trotzdem mitgesogen. Dann gibt man sich selbst die Schuld. Das führt leicht in einen Teufelskreis: Man macht sich Stress. Und unter Stress ist es wieder schwerer, nicht zu rauchen.

Was also tun, wenn man allein nicht vom Nikotin loskommt?

Die besten Chancen, dauerhaft von den Zigaretten weg zu kommen, haben Sie in einer verhaltenstherapeutischen Gruppenbehandlung. Wir haben mit unseren Kursen nach einem Jahr Erfolgsquoten von mehr als 30 Prozent. Das ist im nationalen wie internationalen Vergleich sehr gut. In der Gruppe sind alle in der gleichen Situation: Raucher, die aufhören wollen. Man muss sein Problem also nicht allein bewältigen. Wenn man sich darauf einlässt, kann man sich gegenseitig motivieren und voneinander lernen. Der Therapeut bringt das Expertenwissen mit, unterstützt und strukturiert die Gruppe.

Wo setzt die Verhaltenstherapie an?

In jedem Raucher steckt eine Ambivalenz: Ich möchte gerne aufhören, die Zigarette tut mir trotzdem gut. Das muss man erkennen und letztlich akzeptieren. Allein schafft man das schwer. In der Verhaltenstherapie lernen Sie als erstes zu würdigen, was Sie am Rauchen hatten.

Würdigen? Aber ich will doch aufhören zu rauchen?

Ja, aber Rauchen hat ja auch eine Funktion. Wenn man sich nicht bewusst ist, warum man raucht und hört auf, kann einen das irgendwann einholen. Rauchen ist ja zum Beispiel ein soziales Schmiermittel. Vielleicht merken Sie plötzlich, dass Sie sich ohne Zigarette in bestimmten Situationen nicht mehr wohl fühlen. Dass irgendwas fehlt. Und was machen sie zum Beispiel. um mit Ärger oder Stress fertig zu werden? Darüber sollten Sie sich vorher im Klaren sein. Und dann ist es wichtig, eine Zielvision zu haben. Zum Beispiel, seinen Kindern ein Vorbild zu sein, fitter zu werden oder mehr Geld übrig zu haben.

Inwiefern hilft mir dabei die Therapiegruppe?

In der Gruppe bekommen Sie verschiedene Strategien vermittelt, die Sucht zu überwinden. Jeder zieht sich das raus, was für ihn relevant ist. Atemübungen helfen zum Beispiel vielen Menschen. Aber eben nicht allen. Vor kurzem hat eine Frau erzählt, wie sie es schafft das Verlangen nach einer Zigarette zu überwinden: Sie riecht an einem vollen Aschenbecher. Der ekelhafte Geruch hilft ihr, nicht zu rauchen. Ein anderer zieht lieber an einem Strohhalm und wieder andere sagen: "Ich bin doch nicht blöd!" Jeder findet seinen eigenen Weg.

Können auch Medikamente ein Weg sein?

Leider gibt es kein Wundermittel, das Sie einfach so zum Nichtraucher macht. Selbst die Hardcore-Medikamentenforscher setzen nicht mehr auf eine rein pharmakologische Behandlung der Sucht. Da haben sich in den vergangenen Jahren viele Hoffnungen zerschlagen. Echte Abstinenz kann man nicht mit Medikamenten erreichen. Von einer Sucht kommt man nur mit gestärkter Motivation und gestärktem Selbstvertrauen los. Aber Medikamente haben trotzdem ihre Berechtigung, zum Beispiel als Motivationsstütze. Viele Menschen fühlen sich mit einer "Krücke" wohler. Nikotinersatzpräparate können auch die Gewichtszunahme am Anfang in Grenzen halten. Sie machen das Aufhören in der ersten Phase leichter und stabilisieren den Erfolg. Mit mehr Festigkeit und Routine im Nichtrauchen kann man im zweiten Schritt auf Hilfsmittel verzichten.

Wann kann man sagen: "Ich bin Nichtraucher"?

Wenn Sie ein Jahr ohne Zigaretten durchgehalten haben, ist die Wahrscheinlichkeit, Nichtraucher zu bleiben, sehr groß.

© Süddeutsche.de/beu/leja

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