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Vorwürfe gegen Stiftung Organtransplantation:Ein Bote stellte die Kündigung in der Nacht zu

Besonders deutlich wird der Führungsstil der DSO-Spitze am Fall einer Krankenschwester, die sich jahrelang als Koordinatorin in Nordrhein-Westfalen für die Organspende einsetzte. Eines Tages aber horchte sie auf: In ihren Augen war gegen Recht und Gesetz verstoßen worden. In Düsseldorf waren einem Spender Organe entnommen worden, obwohl der Hirntod "formal juristisch nicht korrekt" diagnostiziert worden war, wie DSO-Mitarbeiter in einer Sitzung feststellten. Zum Zeitpunkt der Organentnahme hatte laut Aktenlage nur ein Neurologe den Hirntod des Spenders festgestellt; der Gesetzgeber verlangt aber zwei unabhängige Untersuchungen. Dies soll sicherstellen, dass der Spender wirklich hirntot ist.

Die DSO löste das Problem unkonventionell: Sie entschied kurzerhand, die Organe sollten trotzdem entnommen werden. Später räumte sie in einem Anwaltschreiben ein, dass nur ein Protokoll vorlag. "Die Beteiligten waren sich aber sicher, dass das zweite Protokoll existent war", so die DSO, "es konnte zum Zeitpunkt der Organentnahme nur nicht aufgefunden werden, weil es aus Versehen in eine andere Akte geraten war."

Der Krankenschwester ließ der Fall keine Ruhe. Sie forderte Qualitätssicherungsmaßnahmen, die korrekte Abläufe garantieren, und schaltete auch die Kontrollgremien ein: den Stiftungsrat und die bei der Bundesärztekammer ansässige Überwachungskommission. Dem DSO-Vorstand und den verantwortlichen Ärzten in Düsseldorf passierte nichts; die Krankenschwester aber verlor ihren Job. Kurz vor Mitternacht klingelte ein Bote sie aus dem Bett, um ihr eine fristlose Kündigung zuzustellen.

Kontrolle auf Schritt und Tritt

Mitarbeiter höheren Ranges fühlten sich häufig gemobbt, bevor sie die DSO schließlich resigniert verließen. So wurde der langjährige geschäftsführende Arzt der Region Baden-Württemberg, Werner Lauchart, regelmäßig und aus kleinsten Anlässen in die 200 Kilometer entfernte Zentrale zitiert, wie Vertraute berichten. Zwei Jahre vor seiner Pensionierung schied Lauchart im Juli aus - "aus gesundheitlichen Gründen", wie die DSO mitteilte.

Die DSO kontrolliert ihre Leute inzwischen auf Schritt und Tritt", berichtet ein Ex-Mitarbeiter. Außendienstmitarbeiter müssten selbst für Stadtfahrten Dienstreiseanträge stellen. "Gerade auf so einem sensiblen und psychisch belastenden Feld wie der Organspende kann man seine Mitarbeiter aber nicht kontrollieren, man muss sie motivieren", sagt Gundolf Gubernatis, ehemaliger geschäftsführender Arzt der Region Nord, der ebenfalls nach Auseinandersetzungen mit dem Vorstand die DSO verlassen hat.

Denn es liegt vor allem am persönlichen Engagement der Koordinatoren und der übergeordneten geschäftsführenden Ärzte, ob Kliniken bereit sind, Organspender zu melden. Für die Kliniken bedeutet die Organentnahme vor allem Aufwand - schon allein, weil sie dafür Personal und OP-Säle zur Verfügung stellen müssen. "Wenn die Ärzte in den Kliniken nicht vom Nutzen der Transplantationsmedizin überzeugt sind, können sie den potentiellen Spender auch einfach sterben lassen, ohne sich um seine Organe zu bemühen", sagt Gubernatis.

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