Vorsorge Das Zeitfenster vor der Empfängnis "ist eine kritische Zeit"

Das Zeitfenster vor der Empfängnis "ist eine kritische Zeit, in der der Gesundheitsstatus der Eltern - einschließlich ihres Körpergewichts, ihres Stoffwechsels und ihrer Ernährung - das Risiko ihrer Kinder beeinflusst, später im Leben eine chronische Krankheit zu bekommen", sagt Judith Stephenson vom Institute for Women's Health am University College London, eine der Hauptautorinnen der Lancet-Artikel. Und sie fügt an: "Wir müssen jetzt die öffentliche Gesundheitspolitik so überarbeiten, dass sie hilft, diese Risiken zu reduzieren"

Unsicher sind sich die Experten noch, was die Dauer des entscheidenden Zeitfensters betrifft. Bisher bezeichnet man die präkonzeptionelle Phase als die letzten drei Monate vor der Empfängnis. Es ist der durchschnittliche Zeitraum, im dem Paare mit Kinderwunsch erfolgreich ein Kind zeugen. Manche Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Normalisierung des Körpergewichts bei stark Über- oder Untergewichtigen, benötigten mitunter aber ein oder mehrere Jahre Zeit. Andere Maßnahmen wie eine Anhebung des Folsäurespiegels im Blut oder die Enthaltsamkeit von Suchtmitteln, wirken hingegen schon nach einigen Wochen.

Die Experten schlagen deshalb vor, die Präkonzeption je nach Blickwinkel unterschiedlich zu bemessen: Biologisch gesehen seien es die Tage bis Wochen vor der Zeugung bis zur Einnistung des befruchteten Eis. Individuell gesehen starte die präkonzeptionelle Phase bereits mit dem Kinderwunsch der Eltern. Aus der Warte der öffentlichen Krankheitsvorsorge müsse sie hingegen oft schon Monate bis Jahre früher beginnen, nämlich zu dem Zeitpunkt, an dem man anfängt, die Gesundheit der künftigen Eltern positiv zu beeinflussen.

Hier adressieren die Forscher ausdrücklich nicht nur die Frauen. Viele Studien zeigen, dass Ernährung, Tabakkonsum, Stress und andere Faktoren die Qualität der Spermien beeinflussen. Vor zwei Jahren entdeckten Forscher um Romain Barrès von der Universität Kopenhagen, dass adipöse Männer, die sich ihren Magen operativ verkleinern lassen, ein Jahr später deutlich veränderte Spermien aufweisen.

Streng genommen beginnt die Gesundheit womöglich bereits im Leben der Großeltern

Offenbar sorgte allein der Umstand, dass die Männer weniger als zuvor aßen, für "einen dramatischen Umbau der Methylierungen an der DNA der Spermien", so die Forscher. Es wurden also die für die Genaktivität entscheidenden Methylgruppen am Erbgutmolekül an- oder abgebaut. Dadurch und auch auf anderem Weg veränderte sich die epigenetische Struktur der Keimzellen. Und damit transportieren sie "unter dem Druck von Umwelteinflüssen auf dynamische Weise" vermutlich auch geänderte Botschaften in das zukünftige Leben. Epigenetische Strukturen enthalten nämlich Informationen darüber, welche ihrer geerbten Gene die Zellen der neu entstehenden Organismen besonders gut benutzen können und welche weniger gut.

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Das könne erklären, warum die Kinder übergewichtiger Väter oft ebenfalls zu Stoffwechselstörungen neigen. Anders als man früher dachte, scheinen klassisch genetisch vererbte Übergewichts- oder Diabetes-Gene dafür jedenfalls nicht nötig zu sein. Viele Studien mit Nagetieren untermauern diese These. Egal ob bestimmte Vergiftungen, traumatische Erlebnisse, eine Fehlernährung oder Anpassungen an eine Hitzeperiode: Sowohl Mütter als auch Väter scheinen Informationen zu solchen Einflüssen auf außergenetischem Weg weiter zu vererben.

Sollten sich diese Resultate auch beim Menschen bestätigen, wird es schwer fallen, überhaupt noch Grenzen für den Beginn der präkonzeptionellen Phase zu finden. Streng genommen beginnt die Gesundheit dann bereits im Leben der Großeltern.

Derzeit geht es noch vor allem darum, genauer zu erforschen, wie sich Gesundheit über Generationengrenzen hinweg fortsetzt. Nach derzeitigem Wissensstand seien "epigenetische, zelluläre, metabolische und physiologische Effekte beteiligt", weiß Keith Godfrey von der MRC Lifecourse Epidemiology Unit an der University of Southampton und ebenfalls Hauptautor eines der Lancet-Artikel: "Noch besser zu verstehen, welches die Mechanismen sind und welche Faktoren sie antreiben, ist besonders wichtig, weil es dabei hilft, künftige Gesundheitsempfehlungen für die Zeit vor der Konzeption festzulegen."

Egal wie diese Suche ausgeht, dürften die neuesten Erkenntnisse schon bald dazu beitragen, dass auch weiterhin, so wie in den vergangenen 180 Jahren, die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen stetig steigt. Und die wichtigste Botschaft der Forscher sollte bereits heute zu denken geben: Die Gesundheit der Enkel beginnt in Teilen bereits bei der Gesundheit der Kinder. Stressforscher Dirk Hellhammer hat das bereits begriffen, wenn er fordert: "Die Freude an einer gesunden Lebensweise müsste uns allen sozusagen in die Wiege gelegt werden, indem die Gesellschaft bereits die Eltern kleiner Kinder und die Kinder und Jugendlichen selbst sehr viel mehr als heute entlastet und unterstützt."

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