Tierseuchen:Brite infiziert sich mit Vogelgrippevirus

Lesezeit: 3 min

Tierseuchen: Um das Virus einzudämmen, werden tote Tiere abtransportiert - wie dieser Kranich in Israel.

Um das Virus einzudämmen, werden tote Tiere abtransportiert - wie dieser Kranich in Israel.

(Foto: Ariel Schalit/AP)

Erstmals hat sich in Großbritannien ein Mensch mit einem Influenza-Virus vom Typ H5 angesteckt. Der Fall ist vermutlich nicht beunruhigend - die aktuell grassierende Geflügelpest unter Tieren allerdings schon.

Von Berit Uhlmann

Eine gewisse Beunruhigung wäre nur allzu verständlich. Während Großbritannien mit einem massiven Anstieg der Corona-Neuinfektionen kämpft, wird bekannt, dass sich erstmals im Land ein Mensch mit dem Vogelgrippevirus vom Typ H5 infiziert hat. Doch tatsächlich scheint der konkrete Fall wenig Anlass zur Sorge zu geben.

Festgestellt wurde er im Südwesten Englands im Rahmen von Routine-Untersuchungen, die in Großbritannien stets als Vorsichtsmaßnahme bei Haltern von infizierten Tieren durchgeführt werden. Den Angaben der nationalen Gesundheitsbehörde UKHSA zufolge steckte sich eine nicht näher beschriebene Person mit dem Erreger an, die "in und um ihr Zuhause herum" engen Kontakt zu infizierten Vögeln hatte. Sie sei wohlauf und befinde sich aktuell in häuslicher Isolation. Alle Kontaktpersonen seien ermittelt worden; Hinweise auf weitere Ansteckungen konnten nicht gefunden werden, hieß es. Laboranalysen des Abstrichs ergaben, dass es sich um Viren vom Typ H5 handelte. Ob die Infektion auf den H5N1-Stamm zurückgeht, der derzeit heftig unter Vögeln in Großbritannien zirkuliert, ist noch nicht klar.

Dass sich Menschen mit einem H5-Typ infizieren, ist selten. Meist handelt es sich dann um Ansteckungen mit dem Typ H5N1. Von 2003 bis Ende 2020 registrierte die Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als 860 bestätigte H5N1-Infektionen beim Menschen. Die Mehrheit davon ereignete sich in Asien. In Deutschland wurde noch kein Fall registriert. Der Erregertyp kann schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle verursachen; von den bisher erfassten Infizierten starben 52 Prozent. Auch Erreger vom Typ H5N6 haben gelegentlich schwere Verläufe und Todesfälle bei Menschen ausgelöst. Vor Kurzem wurden in Russland die ersten Übertragungen von H5N8-Viren auf den Menschen beobachtet. Die Erkrankungen verliefen mild.

Gemeinsam ist all diesen Virustypen, dass sie nicht an den Menschen angepasst sind. "Damit sich ein Mensch mit einem Vogelgrippevirus infiziert, ist eine hohe Virus-Dosis erforderlich, da der Erreger erhebliche Barrieren überwinden muss", sagt die Biologin Holly Shelton, Leiterin der Influenzavirus-Gruppe am britischen Pirbright Institute für Tiergesundheit. Menschen stecken sich damit in aller Regel nur durch einen langen und intensiven Kontakt zu Vögeln an. Sie geben den Erreger auch so gut wie nie weiter.

Dies scheint auch für die aktuellen Entwicklungen in Großbritannien zu gelten. "Die genetische Beschaffenheit des jüngsten im Vereinigten Königreich gemeldeten H5N1-Vogelgrippestamms deutet nicht darauf hin, dass dieses Virus zu einer effizienten und wirksamen Übertragung von Mensch zu Mensch fähig wäre", sagt Holly Shelton. Auch Isabel Oliver, wissenschaftliche Leiterin der UKHSA, sieht keinen Hinweis darauf, dass dieser Stamm sich unter Menschen verbreiten kann. Doch prinzipiell werden Experten wie sie immer hellhörig, wenn es um Vogelgrippe-Erreger geht: "Wir wissen, dass Viren sich ständig verändern können." Für Influenzaviren gilt dies in besonderem Maße.

Malcolm Bennett, Professor für Infektionskrankheiten an der Universität Nottingham, warnte angesichts des Falls vor einer weiteren Entwicklung: "Die Zahl der Influenza-Ausbrüche unter Vögeln und der Zeitraum, in dem sie sich ereignen, scheinen in den vergangenen Jahren zugenommen zu haben - vermutlich im Zusammenhang mit dem Klimawandel." Damit könnten sich prinzipiell auch mehr Menschen anstecken oder mehr Mutationen der Erreger auftreten.

Deutschland erlebt eine nie da gewesene Geflügelpest-Welle

Derzeit zirkulieren in zahlreichen Ländern Grippeviren unter Vögeln. Mehr als 20 Staaten haben zwischen November und Dezember 2021 Ausbrüche in Geflügelhaltungen gemeldet, bilanziert die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE).

Dabei erleben Deutschland und Europa dem Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit zufolge aktuell eine Epidemie wie nie zuvor. In den vergangenen drei Monaten habe es 46 Ausbrüche der auch als Geflügelpest bezeichneten Krankheit in Ställen und Farmen gegeben. Und ein Ende sei noch nicht in Sicht. Der wirtschaftliche Schaden solcher Ausbrüche ist groß; die betroffenen Tierbestände müssen in der Regel komplett gekeult werden. Zusätzlich seien in Deutschland fast 400 an der Vogelgrippe verendete Wildvögel entdeckt worden.

Auch wenn Menschen nicht sehr gefährdet sind, sich anzustecken, raten Experten zur Vorsicht. Tote Vögel sollten nicht mit bloßen Händen berührt werden. Wer in Kontakt zu infiziertem Geflügel kam, sollte für mindestens zehn Tage auf das Auftreten von Symptomen einer Atemwegserkrankung oder Bindehautentzündung achten und gegebenenfalls einen Arzt aufsuchen. Eine Infektion durch den Verzehr von Geflügelfleisch oder Eiern infizierter Tiere gilt dagegen als eher unwahrscheinlich.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusCorona
:Die Psychologie der Pandemiebekämpfung

Die Virologie findet einen Erreger und sucht einen Impfstoff dagegen. Ganz so einfach ist es für die Sozialwissenschaften leider nicht - und doch kommt ihnen im Kampf gegen Corona eine wichtige Rolle zu.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB