Süddeutsche Zeitung

Vitamin D:Die Mär vom Mangel

Es gibt einen Zusammenhang von Vitamin-D-Mangel und vielen Erkrankungen. Doch offensichtlich wurden Ursache und Wirkung lange verwechselt. Neue Analysen wecken Zweifel an der Wirksamkeit vorsorglicher Vitamin-Einnahme - und vermuten die Industrie als treibende Kraft.

Von Christian Guth

Vor Krebs soll es bewahren, vor Diabetes und Gefäßerkrankungen. Es soll Depressionen fernhalten und Alzheimer gleich noch mit: Vitamin D (das eigentlich ein Hormon ist) gilt nicht mehr nur als Regulator des Kalziumhaushalts, sondern auch noch als Allzweckvorsorge gegen chronische Erkrankungen jeder Spielart. Tatsächlich haben zahlreiche epidemiologische Untersuchungen Zusammenhänge zwischen niedrigen Blutspiegeln des Hormons und einem erhöhten Erkrankungsrisiko für diverse Leiden gezeigt. Das schien bislang vielen Ärzten Beleg genug zu sein, um Vitamin D eine weitreichende präventive Wirkung zuzuschreiben.

Die Frage nach Ursache und Wirkung allerdings wurde in der frohen Botschaft vom Allheilmittel meist unterschlagen. Mediziner vom internationalen Vorsorgeforschungsinstitut (iPRI) in Lyon hingegen beantworten diese nun derart, dass ein niedriger Vitamin D-Spiegel nicht ein Grund für die genannten Erkrankungen sei, sondern deren Folge (The Lancet Diabetes & Endocrinology, Bd.1, S. 76, 2014).

"Menschen, die Vitamin D-Präparate einnehmen, sind dadurch nicht besser vor Gefäßerkrankungen, Diabetes oder Krebs geschützt", stellt der Hauptautor der Metaanalyse, Philippe Autier, fest. Die Wissenschaftler werteten knapp 300 einschlägige Untersuchungen aus. Die meisten Studien finden zwar eine Beziehung zwischen niedrigem Vitamin D und erhöhten Erkrankungsrisiken.

Sogenannte Interventionsstudien allerdings - also solche, die den Effekt aktiver Maßnahmen überprüfen - konnten nicht belegen, dass die vorsorgliche Gabe von Vitamin D vor den Leiden schützt. "Demzufolge sind die beobachteten niedrigen Vitaminspiegel am ehesten eine Folge der assoziierten Krankheiten", so Autier.

Als unstrittige Vitamin-D-Mangelstörungen blieben demnach nur Rachitis beim Kind und Osteomalazie bei Erwachsenen übrig. Bei diesen in Deutschland seltenen Syndromen kommt es zu Verformungen der Knochen und Schmerzen, da bei sehr niedrigen Vitamin-D-Serumkonzentrationen der Körper nicht mehr genug Kalzium aus dem Darm aufnimmt. Das stört die Knochenbildung. Aus diesem Grund erhalten Schwangere und Babys regelhaft Vitamin D. Dabei ist Lichtmangel eine noch wichtigere Ursache von Rachitis, denn der Körper stellt Vitamin D unter Einfluss von Sonnenlicht selber her.

Die neue Lancet -Publikation bestätigt einige andere Befunde aus letzter Zeit. So verfasste Jakob Linseisen vom Institut für Epidemiologie des Helmholtz Zentrums München bereits vor drei Jahren eine Stellungnahme für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). In dieser konnte er den Schutzeffekt des Vitamins gegen Krebs, Diabetes und Gefäßerkrankungen nicht bestätigen. Nach umfangreicher Literaturrecherche kam er zu dem Fazit, dass Vitamin D-Gaben lediglich bei Menschen über 65 Jahren das Risiko von Stürzen, Knochenbrüchen und vorzeitigem Tod senken.

Ähnlich sieht es laut einer weiteren aktuellen Metaanalyse einer Forschungsgruppe aus Neuseeland aus. Ihr zufolge profitieren nur ältere Menschen von einer Vitamin-D-Prophylaxe, sie erleiden dann seltener Hüftfrakturen. Bei anderen untersuchten Personengruppen sowie auf Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs zeigte sich kein Einfluss (The Lancet Diabetes & Endocrinology, online).

Dennoch glauben viele Mediziner immer noch an einen umfassenden Schutzeffekt durch Vitamin D. Jörg Reichrath etwa, Hautarzt am Universitätsklinikum des Saarlandes, kann die neuen Ergebnisse "nicht nachvollziehen" und ist weiterhin überzeugt, dass rund 60 Prozent der Bundesbürger unter Vitamin-D-Mangel leiden. Es sei gut untersucht, wie das Vitamin verschiedene Abwehrfunktionen des Körpers unterstütze. "Körperzellen nehmen es aus dem Blut auf, um zahlreiche Immun- und Stoffwechselfunktionen zu unterstützen", so Reichrath.

Er beruft sich auf die anfangs erwähnten epidemiologischen Beobachtungen sowie auf Zell- und Tierexperimente. "Daraus kann man aber nicht ohne weiteres auf die Effekte im menschlichen Organismus schließen," wendet Jakob Linseisen vom Helmholtz Zentrum ein, "vor allem nicht, wenn die angenommenen Wirkungen sich praktisch bisher nicht bestätigen lassen."

Lancet-Autor Philippe Autier hält die Idee vom grassierenden Mangel deshalb eher für eine Werbebotschaft: "Es gibt insbesondere in Deutschland einen starken Einfluss der Hersteller von Vitaminpräparaten, Messgeräten und auch der Solariumsindustrie." Letztere wollten über die Betonung des Nutzens ultravioletter Strahlung das schlechte Image ihrer Produkte als Krebserzeuger korrigieren.

Jörg Reichrath, der im vergangenen Jahr Tagungspräsident des industriegesponsorten "Vitamin D updates" in Berlin war, weist kommerzielle Einflussnahme entschieden zurück: "Es findet keine Beeinflussung statt." Andere Marktinteressen - etwa der Hersteller von Sonnenschutzmitteln - wären außerdem weit stärker. Gerade weil die Unterstützung der Vitamin-D-Forschung gering sei, gebe es bislang keine hochqualitativen Studien, welche die weitgehenden präventiven Effekte eindeutig zeigen könnten. Das sollten aber Untersuchungen ändern, deren Ergebnisse in wenigen Jahren erwartet werden. Die Frage nach Ursache und Wirkung wird die Diskussion um Vitamin D also vermutlich weiterhin prägen.

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SZ vom 05.03.2014/rus
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