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Vergessene Seuchen (2):Auf der Spur der Fledermäuse

Wie Vögel leben Fledermäuse in großen Kolonien zusammen und bieten Viren damit gute Bedingungen zu gedeihen. Wie Vögel überwinden Fledermäuse fliegend große Distanzen und begünstigen so die Verbreitung von Erregern. Doch anders als Vögel, sind Fledermäuse Säugetiere und stehen damit dem Menschen und vielen seiner Zuchttiere genetisch näher. An sie angepasste Erreger können den Sprung auf den Menschen leichter schaffen. Doch: "Während man sich in der Seuchenforschung auf die Vögel konzentrierte, hat man die fliegenden Säuger komplett vergessen", sagt Drosten.

Erst die Sars-Epidemie öffnete den Forschern die Augen. Denn es waren Fledermäuse, die das Coronavirus auf Schleichkatzen übertrugen. Chinesen, die Fleisch dieser Tiere aßen - es galt in der Region als Delikatesse - infizierten sich dann mit dem Erreger.

Dies mutet hierzulande exotisch an, doch vielleicht übertragen die Fledermäuse beim nächsten Mal den Erreger nicht auf den chinesischen Larvenroller (Paguma larvata), sondern auf ein Hausschwein in einem europäischen Stall? Schließlich gibt es auch in Europa Fledermäuse, eines ihrer größten Quartiere befindet sich nahe dem schleswig-holsteinischen Bad Segeberg; jährlich überwintern dort rund 20.000 Tiere. Tatsächlich haben Drosten und Kollegen in diesen europäischen Fledermäusen bereits Coronaviren entdeckt. Diese Viren sind dem Menschen nicht gefährlich. Doch ob das für alle in europäischen Fledermäusen lebenden Viren und für alle Zeiten gilt, ist mit Sicherheit nicht zu sagen.

Auch in Afrika sind Fledermäuse stark verbreitet, das Fleisch der Tiere wird dort gegessen - eine Tradition, die mögliche Übertragungswege für Krankheitserreger eröffnet. Afrika aber ist eine Region, die Seuchenexperten ohnehin Sorgen bereitet.

"Hätte der Sars-Erreger 2003 zufällig in einem Land mit wenig entwickeltem Gesundheitssystem etwa in Afrika Fuß gefasst, wäre seine weite Verbreitung vielleicht nicht aufzuhalten gewesen", sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. In der Rückschau macht sie für die rasche Eindämmung der Lungenkrankheit vor allem die schnelle Isolierung von Erkrankten, also "die gute alte Quarantäne" verantwortlich. Dies klappte aber nur aufgrund der halbwegs funktionierenden Gesundheits-Überwachung der betroffenen Länder.

Ein Stück weit Glück habe die Welt auch gehabt, weil sich der Sars-Erreger auf seinem Weg um die Welt offenbar abschwächte. Sogenannte Superverbreiter, wie den chinesischen Arzt, der im Hongkonger Hotel zum Ausgangspunkt der Epidemie wurde, gab es später nicht mehr. Dieser Arzt war 64 Jahre alt, er war zu einer Hochzeitsfeier nach Hongkong gekommen. Er erlebte sie nicht mehr. Er starb an Sars.