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Vegetarische Wurst:Aromen, Farbstoffe, extreme Dosen Salz - die Zutatenliste macht mulmig

Für die Stiftung Warentest ist das kein Argument, weil sich die Aussage nicht mit der Bewertung der Efsa decke. Aber ist Paraffin wirklich gleich Mosh? "Das ist sehr stark verkürzt in der Darstellung", sagt Dieter Schrenk von der Technischen Universität in Kaiserslautern. Für den Lebensmitteltoxikologen sind die Belastungen durch Weißöl kein echter Grund zur Besorgnis. "Es gibt nicht nur eine Art von Mosh, und die hier genannten Weißöle sind für den Menschen so ungefährlich, dass sie sogar als Abführmittel eingenommen werden", sagt der Chemiker. Technische Mosh, die als Schmiermittel etwa in Maschinen zum Einsatz kommen, hätten selbstverständlich nichts in der Nahrung verloren.

In der Lebensmitteltechnologie seien hochwertige Mosh als Paraffinum liquidum ein beliebter, erlaubter Zusatzstoff, der vor allen Dingen als Trennmittel eingesetzt werde. Zum Beispiel in Backwaren, aber eben auch in Würsten. Ob es sich bei den Mosh in der Anti-Wurst von Rügenwalder allerdings wirklich um Weißöle handelt, wie das Unternehmen behauptet, das kann Stiftung Warentest gar nicht überprüfen. "Eine Unterscheidung zwischen diesen Stoffen ist aufwändig und teuer", sagt Schrenk. Er glaubt, dass es bei dem Testergebnis womöglich mehr darum gegangen sei, eine Nachricht zu erzeugen - als darum, den Verbraucher auf eine echte Gefahr hinzuweisen.

Es bleibt dennoch ein mulmiges Gefühl - das man schon ohne die Mineralölrückstände haben könnte. Es genügt ein Blick auf die Zutatenliste: Den meisten Grundstoffen der Fleischersatzprodukte mangelt es an der physischen Stabilität ihres natürlichen Vorbildes. Manches Kunstschnitzel benötigt neben Soja, Weizengluten oder Lupineneiweiß deshalb mindestens drei Verdickungsmittel, um auch nur im Ansatz jene Form zu gewinnen, die ein natürlicher Muskellappen bisweilen noch zwischen den Zähnen bewahren kann.

Dazu kommen Aromen, Gewürze, Farbstoffe, Säureregulatoren, Zucker, teils extreme Dosen Salz, nicht zu vergessen die zuweilen zugesetzten Mengen Glutamat, die als Hefe- oder Pilzextrakte getarnt wenigstens einen Anflug der rustikalen Geschmacksnote von Braten oder Grillfleisch vermitteln sollen. Dabei stecken in einigen Produkten nicht einmal "kein Tier", sondern jede Menge Eiklar - aus Freilandhaltung zwar, aber das muss nicht allzu viel fürs Tierwohl bedeuten.

Was mit Blick auf den Verzicht also als gesunde und tierfreundliche Alternative erscheint, ist bei näherem Hinsehen eigentlich kaum noch als Nahrungsmittel zu bezeichnen. Die Frage, ob weniger in diesem Falle letztlich mehr wäre und man sich die ewige Verfügbarkeit des Fleischerlebnisses einfach abgewöhnen sollte, anstatt auf Fakes zurückzugreifen - die stellt sich angesichts solcher Tests einmal mehr. Ein schöner Braten, an jedem vierten Sonntag, der wäre doch auch schon was.