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USA:Mehr Dickbäuche bei gleichem Gewicht

Übergewicht, Fettleibigkeit, Crashtest, Unfall

Bei gleichbleibendem Gewicht werden die Bäuche der Amerikaner immer dicker.

(Foto: iStockphoto)

Wandernde Fettpolster: Der Bauchumfang der Amerikaner hat in den vergangenen Jahren im Durchschnitt kräftig zugelegt, doch das Körpergewicht ist gleich geblieben. Über die Gründe spekulieren Forscher noch.

Von Werner Bartens

Wer Vorurteile pflegen will, der spricht weiterhin von der Fettsucht-Welle oder der Adipositas-Epidemie, die den Planeten heimsucht. Die Menschen werden immer dicker, essen immer mehr, bewegen sich kaum. Die größeren Portionen, der viele Zucker und alle sitzen den ganzen Tag. Das klingt einleuchtend - ist aber teilweise falsch - zumindest was das Übergewicht angeht. Seit zehn Jahren stagniert die Gewichtsentwicklung in den reichen Ländern. Schon 2008 haben große Auswertungen in den USA und nachfolgend in Europa gezeigt, dass die Menschen dort im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends nicht mehr an Körpermasse zugelegt haben.

Eine neue Untersuchung aus den USA bestätigt diesen Trend - und wartet trotzdem mit einer Überraschung auf. Demnach hat der Bauchumfang der US-Amerikaner in den vergangenen Jahren sehr wohl zugenommen - jedoch bei gleichbleibendem Gewicht. Im Journal of the American Medical Association zeigen Ärzte um Earl Ford, dass sich der durchschnittliche Bauchumfang von Erwachsenen von 95,5 Zentimetern im Jahre 1999 auf 98,5 Zentimeter im Jahr 2012 erhöht hatte (Bd. 312, S. 1151, 2014). Der Anstieg fiel bei Frauen stärker aus als bei Männern.

Das Team von den CDC in Atlanta - der US-Behörde für Seuchenschutz und Prävention - hatte Daten von mehr als 32 000 Amerikanern ausgewertet. Interessant war die Aufschlüsselung nach Alter und Bevölkerungsgruppen. So legen weiße Frauen in den USA besonders im Alter zwischen 40 und 50 Jahren an Bauchumfang zu und zwar im Durchschnitt um stattliche 6,6 Zentimeter. Männer mexikanischer Abstammung legten im Alter zwischen 20 und 30 und mit acht bis neun Zentimetern noch heftiger zu - ebenso wie afroamerikanische Männer, bei denen der Bauch besonders zwischen 30 und 40 anschwoll.

Als bauchbetonte Fettsucht bezeichnen Mediziner einen Taillenumfang von mehr als 88 Zentimetern bei Frauen und mehr als 102 Zentimetern bei Männern. Nach dieser Definition hätte der Anteil der Menschen mit einem solch stattlichen Vorbau von 46,4 Prozent 1999 auf 54,2 Prozent im Jahre 2012 zugenommen.

"Wir können nur spekulieren, warum sich der Bauchumfang trotzdem vergrößert."

Die Autoren betonen, dass sich das mit dem Body-Mass-Index erfasste Gewicht seit 2003 bis heute nicht verändert hat. "Wir können nur spekulieren, warum sich der Bauchumfang trotzdem vergrößert", sagt Earl Ford. "Verschiedene Faktoren wie Schlafmangel, Medikamente aber auch Umweltgifte könnten dazu beitragen." Schon länger wird Ärzten geraten, Patienten nicht nur auf die Waage zu stellen, sondern auch mit einem Maßband den Umfang der Taille in Höhe des Bauchnabels zu erfassen. Schließlich ist bauchbetontes Übergewicht ("Apfelform") gefährlicher für Herz und Kreislauf als dicke Polster auf Schenkeln und Hüften ("Birnen"- oder "Rubens-Form").

Wie gefährlich mehr Gewicht ist, hängt nicht nur von der Fettverteilung ab. Kräftige Menschen mit viel Muskelmasse bringen womöglich deutliches Übergewicht auf die Waage. Ihr Risiko für Infarkt und Schlaganfall ist aber kaum erhöht. Zudem spielt die körperliche Aktivität eine Rolle: fitte Dicke sind gesünder als schlappe Schlanke. All dies hat dazu geführt, dass die strengen Gewichtsgrenzen auf dem Prüfstand stehen. Zuletzt haben große Studien gezeigt, dass jene Menschen am längsten leben, die leichtes bis mittleres Übergewicht aufweisen.

© SZ vom 17.09.2014

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