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USA:Hilfsorganisation legt sich mit konservativer Familienpolitik Trumps an

Lesezeit: 4 min

Von Beate Wild, New Orleans

Seit Donald Trump Präsident ist, geht unter Amerikanerinnen die Angst um. Sie sehen mit einem Mal ihre Rechte bedroht, denn die Atmosphäre ist in vielen Bundesstaaten abtreibungsfeindlich. Aktivisten präsentieren nun eine nicht unumstrittene Antwort auf die Frage: Was tun, wenn der Staat Abtreibungen immer schwerer zugänglich macht oder sie vielleicht bald ganz verbietet?

In der vergangenen Woche hat die niederländische Organisation "Women Help Women" in den USA eine Online-Plattform gestartet, die Frauen juristischen und medizinischen Rat anbietet, wie sie eine ungewollte Schwangerschaft selbst beenden können, mithilfe von Medikamenten und ohne ärztliche Hilfe. Über die Initiative wird in den USA heftig gestritten.

Women Help Women erklärt auf der Seite Schritt für Schritt, wie man mit Mifepristone und Misoprostol abtreiben kann. Die zwei gängigen Präparate werden an zwei aufeinander folgenden Tagen eingenommen und erzeugen eine Fehlgeburt. Sie können bis zur zehnten Schwangerschaftswoche angewendet werden. Um Ratschläge für die Anwendung zu bekommen, können Frauen sich auf der Webseite abortioninfopill.org einloggen und eine Nachricht an eine Beraterin in den Niederlanden schicken. Innerhalb weniger Stunden kommt dann die Antwort mit der Hilfestellung. Typische Fragen der ratsuchenden Frauen sind laut Women Help Women etwa, ob Nebeneffekte wie Krämpfe oder Blutungen normal seien.

Mifepristone und Misoprostol sind von der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA geprüft und zugelassen, sollen aber eigentlich nur unter ärztlicher Aufsicht und mit vorherigem Beratungsgespräch eingenommen werden.

Kinga Jelinska, die Chefin von Women Help Women, sagte der Washington Post, ihre Organisation biete die Abtreibungsberatung schon seit Längerem in anderen Ländern an - teilweise würden die Mitarbeiter die Pillen auch kostenlos verteilen. Durch das politische Klima in den USA sei der Service nun aber auch für Amerikanerinnen erforderlich geworden. Im Grunde ist Abtreibung in den USA seit 1973 legal. Bis wann eine Frau abtreiben darf - derzeit zwischen der 22. und 28. Schwangerschaftwoche - und unter welchen Bedingungen, regelt aber jeder Bundesstaat selbst. Vor allem konservative Regionen versuchen den Zugang der Frauen zur Abtreibung zu erschweren.

Oft ist es für Frauen schon logistisch kompliziert, eine Abtreibungsklinik aufzusuchen. Während das liberale Kalifornien über etwa 150 solcher Kliniken verfügt, gibt es in South Carolina nur drei und in Mississippi nur eine Klinik. Sollte die Trump-Regierung mit Hilfe der Gesundheitsreform die Finanzmittel für Abtreibungskliniken wie Planned Parenthood weiter kürzen oder ganz streichen, würden wohl noch mehr Kliniken schließen müssen.

Mit Neil Gorsuch haben die Republikaner nun auch im Supreme Court theoretisch die Mehrheit. Könnten Abtreibungen also bald wieder illegal werden? Die Wahrscheinlichkeit, dass das Oberste Gericht das Recht auf Abtreibung komplett kippt, ist zwar unwahrscheinlich. Doch der Supreme Court kann beispielsweise Gesetze der Bundesstaaten für rechtswidrig erklären oder sie bestätigen, und auf diese Weise die Möglichkeiten von Frauen beeinflussen.

Seit Trump Präsident ist, arbeiten viele Staaten an neuen Abtreibungsgesetzen. Oklahoma hat einen Gesetzesentwurf eingebracht, der Schwangere verpflichten würde, die Zustimmung des Vaters zum Abbruch vorzulegen. Der für den Entwurf federführende Republikaner Justin Humphrey sagte zur Begründung, eine Frau sei nur der "host", also der "Wirt" des Fötus. Bislang wertete der Oberste Gerichtshof Auflagen dieser Art als "übermäßige Bürde" für die Schwangere. Doch mit einer republikanischen Mehrheit könnte sich das ändern.

Frauen können die Pillen im Netz bestellen

Viele Bundesstaaten unter republikanischer Führung haben schon jetzt zahlreiche Regelungen erlassen, um es Frauen vor einem Schwangerschaftsabbruch schwer zu machen. Einer Studie des Guttmacher Institute zufolge verlangen manche zusätzliche Ultraschalluntersuchungen, verlängerte Wartezeiten oder Beratungsgespräche, bei denen den Frauen beispielsweise gesagt wird, ein Schwangerschaftsabbruch steigere das Brustkrebsrisiko - obwohl ein solcher Zusammenhang laut American Cancer Society bislang nicht nachgewiesen wurde.

Viele Amerikanerinnen fahren jetzt schon einfach über die Grenze nach Mexiko, wo es die Präparate ohne Rezept zu kaufen gibt. Zudem gibt es diverse ausländische Internetseiten, bei denen man sich die Tabletten bestellen kann. Die FDA warnt vor solchen Käufen im Netz, da die Qualität der Produkte unsicher sei.

Abtreibungsgegner raten von der selbständigen Einnahme der Tabletten ab. Sie seien gefährlich und könnten bei falscher Anwendung ernsthafte Schäden verursachen, warnte Kristi Hamrick, Sprecherin von "Americans United for Life" in der Washington Post.

In Deutschland ist der medikamentöse Abbruch nach einem Beratungsgespräch bis zur neunten Woche möglich, darf aber ebenfalls nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Ein Beratungsgespräch ist in Deutschland vor Schwangerschaftsabbrüchen ebenfalls grundsätzlich Pflicht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weist zudem darauf hin, dass eine Abtreibung mit Pillen psychisch belastend sein kann. Wegen eventueller Kreislaufbeschwerden solle eine Frau nach dem Eingriff nicht allein bleiben.

"Die Pillen in Eigenregie zu nehmen, ist sicherlich gefährlicher als unter ärztlicher Aufsicht", sagt Professor Jon Merz, Medizin-Ethiker an der University of Pennsylvania. "Doch es ist um vieles sicherer als das, was Frauen früher unternommen haben, um eine Schwangerschaft zu beenden."

Eine Studie aus dem Jahr 2015 bestätigt dies. Bei 11 000 in Kalifornien vorgenommenen Schwangerschaftsabbrüchen mit den Präparaten und unter ärztlicher Aufsicht kam es nur in 34 Fällen zu größeren Komplikationen. Daniel Grossman von der University of California, San Francisco (UCSF) schreibt in einem Fachartikel für das British Journal of Obstetrics and Gynaecology sogar, die Pillen und eine Abtreibung zu Hause seien so sicher, dass einem rezeptfreien Verkauf nichts entgegenstünde.

Doch auch wenn eine Abtreibung mit Mifepristone und Misoprostol unter medizinischen Gesichtspunkten unbedenklich erscheint, könnte es für Amerikanerinnen von Gesetzes wegen gefährlich werden. Trump hat im Wahlkampf einmal generell eine Bestrafung für Frauen gefordert, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Später rückte der Präsident von dieser Aussage ab, doch viele Abtreibungsgegner haben genau das im Sinn. In einigen Bundesstaaten ist eine Abtreibung ohne ärztliche Aufsicht explizit illegal. Mindestens 18 Frauen wurden in den USA wegen der Anschuldigung, sie hätten einen Schwangerschaftsabbruch selbst vorgenommen, bereits strafrechtlich verfolgt.

In den USA werden die Betreiber der neuen Website keine Pillen an die Frauen verschicken. Der Schwerpunkt bei Women Help Women liege auf der Beratung, so Jelinska. Der Chat-Verlauf zwischen den Frauen und den Beratern wird zur Sicherheit nach einigen Tagen gelöscht.

Es sei quasi unmöglich, dass Gegner und Befürworter von Abtreibung auf einen gemeinsamen Nenner kämen, sagt Medizin-Ethiker Merz. "Diejenigen, die das Leben des Fötus für unantastbar halten, werde das Recht der Frauen auf Abtreibung niemals anerkennen", so Merz. Dem stehe die Sicht gegenüber, "dass jede Frau die absolute Kontrolle über ihren Körper haben soll", sagt Merz. Beide Seiten sähen ihre jeweilige Position als per Gesetz zu schützendes Menschenrecht.

Das Women-Help-Women-Projekt minimiere zumindest die medizinischen Risiken einer selbst durchgeführten Abtreibung, argumentieren Befürworter. Frauen, die entschlossen seien, eine Schwangerschaft abzubrechen, würden das so oder so versuchen. Dann sei es besser, sie hätten dafür wenigstens fachkundige Beratung.

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