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Unglückliche Mütter:Mutterschaft ist ein kulturelles Konstrukt

Es gibt sie also, die bereuenden Mütter, doch sie bleiben lieber anonym. Das zeigt auch, wie mutig Orna Donath und die Frauen in ihrer Studie waren: Eine Mutter, die Negatives über ihre Mutterrolle äußert, gilt eben nach wie vor als Tabu. Muttersein soll toll sein. Das reine Glück. So will es die Norm, alles andere wird schnell als unnatürlich abgestempelt.

Kaum eine Mutter wagt es, offen auch über die anderen Seiten ihrer Rolle zu sprechen: über die Überforderung, den Schlafmangel, die teils irreversible Veränderung des eigenen Körpers, den Druck der Verantwortung, den Verlust von Selbstbestimmung und Freiheit, die Trauer darüber, das alte Leben aufgegeben zu haben.

"In dem Moment, in dem eine Frau negative Gefühle bezogen auf ihre Mutterschaft äußert, verbaut sie sich die Chance auf Status und Anerkennung", sagt Christina Mundlos, Soziologin und Autorin des Buches "Mütterterror: Angst, Neid und Aggressionen unter Müttern". Der Druck sei extrem hoch. Es regiere in den Köpfen das Bild der perfekten Mutter, die immerzu alles richtig macht.

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Auch die israelischen Psychologinnen Rivka Tuval-Mashiach und Shirit Shaiovitz-Gourman schreiben in einem Aufsatz über die mütterliche Ambivalenz, von der vermeintlich perfekten Mutter würden ewige, bedingungslose Liebe zu ihrem Kind sowie eine ständige physische Präsenz erwartet. Ebenso wie das emotionale Rüstzeug, den eigenen Nachwuchs stets ruhig und sicher durch Krisenzeiten zu navigieren. Ihre eigenen Bedürfnisse solle sie zurückstellen.

Das war nicht immer so. Erst im Zuge der industriellen Revolution ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ergab sich die Rollenaufteilung zwischen beiden Geschlechtern, da erstmals der Arbeitsplatz und der private Raum zu Hause auseinanderfielen. Wo vorher Vater und Mutter gemeinsam die Arbeit auf dem Feld bestellt und die Kinder mitgenommen hatten, blieb die Frau nun allein mit den Kindern zurück, während der Mann jeden Tag seinen Gang in die Fabrik antrat. Die Frau wurde zur Haupterziehungsperson.

Das romantische Mutterbild, wie es heute noch immer in den Köpfen festsitzt, bekam unter den Nationalsozialisten weiter Vortrieb: Gebären und Kinder großziehen für den Führer, im Dienste der arischen Rasse - darin sollte sich das Potenzial einer jeden Frau erschöpfen. Dafür bekam sie Respekt. In der Nachkriegszeit seit den Fünfzigerjahren wurde dann das Private verklärt, "ein Rückzug in die eigenen vier Wände", sagt Christina Mundlos. Auch in dieser Zeit hatte die Frau vor allem eines zu sein: Mutter.

"Eine Katastrophe. Mehr noch: Es ist der Albtraum meines Lebens."

Orna Donath, die israelische Forscherin, nennt Mutterschaft deswegen ein "kulturelles und historisches Konstrukt" - das so starr in den Köpfen verankert ist, dass auch nur der Gedanke, eine Frau könnte ihre Mutterschaft tatsächlich bereuen, für die meisten Menschen als abnorm oder als individuelles Versagen bewertet wird.

"Der Gedanke liegt nahe, dass die Frauen, die ich befragt habe, eine in irgendeiner Form extrem schmerzvolle Mutterschaft durchlebt haben", sagt Donath. "Aber dem ist nicht so. Es sind ganz normale Frauen, die ihre Mutterrolle aber mit einer anderen emotionalen und kognitiven Haltung bewerten, als der soziale Kontext es verlangt." Keine der Mütter zeigte eine auffällige Persönlichkeitsstruktur, sie gehörten keinem bestimmten Problemmilieu an. Keines der Kinder wies eine physische Behinderung auf, fünf von ihnen waren jedoch als besonders betreuungsintensiv charakterisiert worden.