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Ungewöhnliches Mittel gegen Alkoholsucht:Kiffen mit staatlicher Genehmigung

Karl Huber: Cannabis gegen Alkoholsucht

Legales Kiffen: Huber raucht gegen Sucht, Kopfschmerzen, Schlafstörungen.

(Foto: Sabrina Ebitsch)

Huber zündet den Joint, den er hat ausgehen lassen, noch einmal an. In der Falz einer Broschüre des Hanfverbands, aus der er vorher die Füllung in die Tüte hat rieseln lassen, liegen Blüten- und Tabakreste. Drum herum auf dem Couchtisch sein Instrumentarium: Vaporizer, Pfeife, Feuerzeug, Zigaretten für den Tabak, Papers.

Als Karl Huber 50 ist, hat er wieder einen Rückfall, den bislang letzten. Da beschließt Shorty, einen weiteren Kampf aufzunehmen. "Meine Medizin", sagt er, habe er sich jahrelang illegal besorgen müssen. Er will das nicht mehr. Er schickt einen Antrag für die "Erlaubnis zu medizinischen Cannabistherapien (nach § 3 Abs. 2 BtMG)" und eine ärztliche Bescheinigung an die Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Abgelehnt. Huber argumentiert in persönlichen Stellungnahmen: "Ohne Cannabis ist keine dauerhafte Alkoholentwöhnung möglich, da der Suchtdruck noch vorhanden ist." Auch sein Arzt interveniert. Von mangelnden weiteren Therapieoptionen ist die Rede, nach mehr als 20 Jahren Abhängigkeit.

Karl Huber: Cannabis gegen Alkoholsucht

Kampf für Cannabis: Huber setzt sich für seine Erlaubnis ein - und für die Legalisierung

(Foto: Sabrina Ebitsch)

Im April 2015 der erlösende Bescheid: Huber bekommt die mit dem Bundesadler abgestempelte Erlaubnis, darf seit nun mehr einem halben Jahr legal kiffen. Damit ist er einer von etwa 400 Menschen bundesweit, denen eine solche medizinisch begleitete Selbsttherapie genehmigt wurde. Es gibt keine Studien, die die Wirksamkeit von Cannabis gegen Alkoholismus belegen - anders als etwa gegen die Spastiken von Multiple-Sklerose-Patienten, wo die Forschungslage besser ist. Es gibt Studien, die Hinweise auf Zusammenhänge liefern, etwa dahingehend dass Studienteilnehmer während einer Cannabis-Abstinenz mehr rauchen und trinken oder Cannabis als sicherere Alternative zum Alkohol empfinden. Es gibt Patientenumfragen und Fallberichte. Und es gibt Leute wie Karl Huber.

"Medizinal-Cannabisblüten" aus dem Tresor

Morgens zündet er sich als erstes ein "Tütchen" an. Was andere sich heimlich besorgen, dafür geht Huber einfach in die Apotheke. Wobei es so einfach nicht ist. Manchmal ist sein Marihuana nicht lieferbar. Wenn doch, holt der Apotheker einen Ordner: Lieferschein ausfüllen, Betäubungsmittelnummern eintragen, "Bewegungen und Bestände" in einer Tabelle auflisten, Betäubungsmittelabgabebeleg für den Patienten. Erst dann verschwindet der Apotheker in seinem Hinterzimmer und holt die "Medizinal-Cannabisblüten" aus seinem Tresor.

Alle sechs Monate will das BfArM einen Bericht über Verbrauch und Bestand. Aber übrig bleibt nie etwas. Bis zu 100 Gramm braucht Shorty im Monat, Tagesbedarf zwei bis drei Gramm. Fünf Gramm kosten 78,25 Euro, macht 1565 Euro, rechnet er vor. Utopisch für einen Hartz-IV-Empfänger. Manchmal legen Freunde zusammen, damit er zur Apotheke kann.

Karl Huber: Cannabis gegen Alkoholsucht0

Hanf in Tropfen beziehungsweise Cremeform

(Foto: Sabrina Ebitsch)

Als Karl Huber 51 ist, ist er ohne Arbeit, aber voller Hoffnung. Er will sich selbständig machen. Eine Stelle auf dem regulären Arbeitsmarkt findet er in seinem Alter und mit seiner Geschichte nicht mehr. Jahrelang macht er nur Ein-Euro-Jobs. Zu schade ist er sich nicht für Dreckarbeit, Abfallentsorgung, Hausmeisterei, aber was Festes wird nie daraus. Jetzt ist er Kompagnon eines Start-Ups, CBD Global. Die Firma will Hanfprodukte wie Tropfen, Cremes oder Öle vertreiben, in Apotheken, Growshops, Drogerien. "Vielleicht verdiene ich damit mal gutes Geld", sagt Huber. Er setzt auf eine Legalisierung in den kommenden zwei Jahren, zumindest für medizinisches Cannabis.

Das Teufelszeug und der Exorzist

"Wissen Sie, was der indianische Name für Cannabis übersetzt heißt?", fragt Huber und antwortet selbst: "Die Hand Gottes", sagt er mit heiligem Ernst. Shorty hat Cannabis, den Exorzisten, statt dem Alkohol, dem "Teufelszeug", auf den Altar seines Lebens gestellt. Er mokiert sich über die Wiesn als das "größte Rauschgiftfest der Welt", das aber legal sei. Über die Besoffenen unten in der Pilskneipe im Erdgeschoss. Huber will über ihnen stehen, er will über sich selbst stehen, er will über sich hinausgewachsen sein. "Was ich früher gemacht habe, tut mir alles sehr leid. Es war wie bei Jekyll und Hyde - im Suff ist man ein Arschloch."

Er berichtet von therapeutischen Möglichkeiten, unterschätzten Wirkungen, zitiert Bücher und Studien. Er zählt an den Fingern die Argumente ab, wenn er etwas sagt, das ihm wichtig ist, zieht er die dicken Brauen hoch. Er zieht oft die Augenbrauen hoch. Karl Huber ist vom Bekehrten zum Missionar geworden. Seine Mission: Er will anderen helfen, denen Cannabis helfen kann. Natürlich gebe es auch Missbrauch, natürlich lebe es sich am besten "ohne alles", aber wenn man jemanden heilen könne, ohne Chemie, warum denn nicht?

Karl Huber: Cannabis gegen Alkoholsucht

Hanf spielt eine wichtige Rolle Hubers Leben, bis unter die Haut

(Foto: Sabrina Ebitsch)

Also trägt er Pullis mit Hanfblättern vom "Cannabis XXL Festival 2015". Also zündet er sich vor Polizisten einen Joint an und wartet darauf, dass er seine mehrfach gefaltete Erlaubnis mit einer Hanfverbandsbroschüre aus dem Geldbeutel ziehen kann. Also engagiert er sich ehrenamtlich im Hanfverband. "Bei mir weiß jeder, dass ich kiffe, ich hab nur solche T-Shirts an." "Hanfrebellen" steht darauf, es ist wie ein Untertitel für sein neues Leben. Auf den großflächig tätowierten Armen wächst zwischen Totenköpfen und dschungelartigen Schlingpflanzen auch ein Hanfblatt. "Das hab ich schon draufmachen lassen, bevor ich gekifft habe - vielleicht eine Vorahnung."

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