Unerprobte Medikamente "Ebola wird wiederkommen"

Krisentreffen in New York: WHO und UN beraten, wie die Welt auf die beispiellose Epidemie reagieren soll

(Foto: Reuters)

Vor zehn Tagen folgte dann ein Angebot aus Japan: Die Regierung dort verfügt über Reserven des Grippemittels Avigan, das laut einer Studie des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin auch sehr gut gegen Ebola wirkt, zumindest bei Mäusen. Und nicht zuletzt gibt es ZMapp, den fast schon prominenten Antikörpermix aus Kalifornien, mit dem zumindest in den USA, Spanien, Großbritannien und Liberia sieben Patienten behandelt wurden: Ein Geistlicher und ein Arzt starben trotz des Medikaments. Zwei Amerikaner wurden aber bald gesund. Am Dienstag verließ nun ein britischer Helfer das Krankenhaus als geheilt. Vergangene Woche berichteten Forscher außerdem von sensationellen Erfolgen bei Ebola-kranken Affen, die ZMapp bekommen hatten.

In Afrika allerdings haben die Mittel noch nichts bewirkt. Bis auf drei Rationen ZMapp sind sie dort gar nicht angekommen. Nigeria hat in dieser Woche erstmals das japanische Grippemittel bestellt, wann es benutzt werden wird, ist unklar. Auf den kanadischen Impfstoff angesprochen, verwies Margaret Chan auf ein weiteres Expertentreffen. Es beginnt an diesem Donnerstag in Genf. Einhundert Wissenschaftler und Mediziner werden darüber beraten, welches Medikament sich wo und unter welchen Voraussetzungen am besten einsetzen ließe. Noch mehr Beratungen, noch mehr Bürokratie also, die den Kampf gegen die Epidemie verzögern?

Ebola

Chronik eines beispiellosen Ausbruchs

Geht etwas schief, zerbricht jede Vertrauensbasis

Womöglich ist es bloße Vernunft. "Wir wollen helfen, aber wir wollen nicht schaden", sagt Chan. Gerade auf dem afrikanischen Kontinent hat der experimentelle Einsatz von Medikamenten, die zum Teil in militärischen Programmen gegen Bioterrorismus entwickelt wurden, einen bitteren Beigeschmack. Geht etwas schief, zerbricht nicht nur die Hoffnung auf Heilung, sondern auch jede Vertrauensbasis. Der Hamburger Immunologe Bernhard Fleischer warnt zugleich vor zu hohen Erwartungen auf der Grundlage von Tierversuchen. "Schon an ZMapp, das in Affen so gut wirkt, kann man sehen: In Menschen funktioniert es nicht immer." Man müsse immer mit Nebenwirkungen rechnen, selbst bei einem Mittel wie Avigan, das bereits an Grippekranken getestet wurde und dort als sicher gilt. "Es kann sein, dass dieses Medikament in Ebolapatienten, die ja schwer krank sind, völlig neue unbekannte Nebenwirkungen entfaltet." Im Einzelfall könne daher zwar der Arzt mit dem Patienten zusammen entscheiden, so ein Mittel einzusetzen. "Ich selbst würde es vermutlich nehmen", sagt Fleischer. Umfangreiche Tests an vielen Menschen, auch Kindern, seien aber klar etwas anderes als ein solcher Heilversuch. "Es ist wichtig, dass die WHO diese Tests gutheißt."

Und was, wenn nicht? David Nabarro, UN-Chefkoordinator der globalen Antwort auf Ebola, zählte am Dienstag in New York zwölf Punkte auf, die für eine effektive Reaktion der Staatengemeinschaft jetzt wichtig sind. Experimentelle Medikamente kommen in seiner Liste nicht vor. Es geht um Fundamentaleres - darum, für die Menschen in Westafrika zu sorgen, den Transport zu sichern, Lebensmittel zu liefern, eine Isolation der betroffenen Länder zu vermeiden. Neue Medikamente könnten zwar jetzt schon helfen. Wichtiger ist nach Ansicht von Bernhard Fleischer aber, sie für die Zukunft weiterzuentwickeln. "Ebola wird wiederkommen", sagt der Forscher. Zumindest auf diesen nächsten Tsunami sollte die Welt dann vorbereitet sein.

Ebola Was Ebola so gefährlich macht
Fragen und Antworten

Epidemie in Westafrika

Was Ebola so gefährlich macht

Westafrika bekommt die Ebola-Epidemie nicht in den Griff. Sierra Leone hat seinen wichtigsten Arzt und medizinisches Personal verloren. Es bleibt die Angst, dass selbst Experten der Seuche schutzlos ausgeliefert sind. Welche Mittel schützen und wie groß die Gefahr für Deutschland ist.   Von Berit Uhlmann