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Überflüssige Behandlungen:Weniger ist mehr

Mangelnde Deutschkenntnisse bei Ärzten

Viele Behandlungen sind unnötig, mahnen kanadische Ärzte

(Foto: dpa)

Je mehr, desto besser? In der Medizin gilt das nicht. Viele Behandlungen sind überflüssig und schaden Patienten sogar. Ärzte starten nun eine Kampagne dagegen.

Diese ärztlichen Empfehlungen sind ungewohnt. Sie fangen mit Verneinungen an. "Vermeiden Sie. . .", "Lassen Sie. . .", "Machen Sie keine. . ." beginnen die Merksätze. Das Ziel ist eindeutig. Statt den Menschen immer mehr überflüssige, oft schädliche Untersuchungen und Therapien aufzudrängen, sollten sich Ärzte auf das beschränken, was Patienten mehr Vor- als Nachteile bringt. "Choosing Wisely" lautet die Kampagne, mit der Doktoren zu "kluger Auswahl" ermutigt werden.

Im April dieses Jahres wird die Kampagne in Kanada starten. Dann werden acht Fachgesellschaften je eine Top-5-Liste veröffentlichen, "fünf Dinge, die Ärzte und Patienten hinterfragen sollten". Hinter jedem dieser "fünf Dinge" stehen wissenschaftlich abgesicherte Statements, verbunden mit Aufforderungen wie: "Machen Sie bei Rückenschmerzen in den ersten sechs Wochen keine Röntgenaufnahme, sofern es nicht Alarmsignale gibt." Kreuzschmerz verschwindet meist von allein wieder.

"Überlege es dir zweimal"

"Das Institute of Medicine hat analysiert, dass 30 Prozent aller Ausgaben in der Medizin vergeudet werden und Patienten keine Vorteile bringen", beklagt Wendy Levinson im Canadian Medical Association Journal (online) vom heutigen Mittwoch. "Ärzte müssen sich zuvorderst dafür einsetzen, dass im Gesundheitswesen nicht weiter so viel verschwendet wird." Jeder Test, jede Behandlung und jeder Eingriff müsse evidenzbasiert sein und dazu beitragen, den Patienten zu nützen. "Jahrelang hatten Ärzte wie Patienten die Einstellung: Je mehr, desto besser", so Levinson. "Jetzt benötigen wir die Haltung: Überlege es dir lieber zweimal."

Unabhängige Ärzte hatten schon 2011 diese Notbremse gezogen. Damals war in führenden US-Fachzeitschriften unter dem Motto "Less is more" zu lesen, wie die Medizin oft mehr schadet als nützt. Ärztevereinigungen hatten eine Liste für die Allgemeinmedizin, die Innere Medizin und die Kinderheilkunde erstellt, die aufzeigte, welche Tests und Therapien unnötig sind. So sind bei gesunden, beschwerdefreien Erwachsenen keine routinemäßigen Blut- oder Urintests nötig. Bei jedem Arztbesuch automatisch die Laborwerte zu bestimmen, ist überflüssig und führt nicht dazu, dass Krankheiten früher entdeckt oder besser behandelt werden. Auch ein EKG ist bei symptomfreien Patienten ohne besonderes Risiko nicht nötig.

Gut dokumentierte Listen

Bei banalen Atemwegsinfekten sollte auf Antibiotika verzichtet werden. Entzündungen der Nebenhöhlen sollten erst mit Antibiotika behandelt werden, wenn eitriger Ausfluss und Schmerzen länger als sieben Tage anhalten. Die meisten dieser Infektionen werden von Viren ausgelöst, und die reagieren nicht auf Antibiotika. Gleiches gilt für Halsentzündungen bei Kindern, die fast immer viral bedingt sind. Sind Streptokokken nachgewiesen, helfen Antibiotika. Trotz dieser lange bekannten Empfehlungen halten sich mehr als die Hälfte der Ärzte nicht daran. Ein Abstrich am Gebärmutterhals ist bei Frauen unter 21 Jahren nicht nötig. Bei Frauen unter 65 Jahren und Männern unter 70 ist die Knochendichtemessung unnötig.

Die Top-5-Listen der überflüssigen Maßnahmen beruhen auf exzellenten Studien. Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, betont, Ärzte sollten "selbstverständlich auf Untersuchungen und Behandlungen verzichten, die nicht sinnvoll sind - das ist für Patienten ein Gewinn an Lebensqualität". Diagnostik und Therapie nach dem Gießkannenprinzip kann schließlich sogar gefährlich sein. Doch leider belohnt das Honorar- und Anreizsystem in der Medizin Aktivismus und nicht Zurückhaltung. In den USA wurde im Jahr 2012 die Choosing-Wisely-Kampagne begonnen - inzwischen sind dort 60 Fachgesellschaften daran beteiligt. Unter www.choosingwisely.org lassen sich Dutzende Listen mit Begründung und Literaturangaben einsehen.

© SZ vom 19.02.2014/chrb
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