In Istanbul ist eine vierköpfige Familie aus Hamburg ums Leben gekommen, die dort im Urlaub war. Zuerst starben die Mutter und zwei Kinder, später auch der Vater. In türkischen Medien war zunächst die Rede von einer Lebensmittelvergiftung, doch nun bestätigt das Abschlussgutachten der türkischen Behörden eine Vergiftung durch das Schädlingsbekämpfungsmittel Aluminiumphosphid.
Was ist Aluminiumphosphid?
Aluminiumphosphid ist ein kristalliner, dunkelgrauer bis dunkelgelber, fester Stoff, der sich in Kontakt mit Wasser oder feuchten Schleimhäuten zu Phosphin wandelt. Dabei entsteht ein knoblauchartiger, manchmal auch nach Abfall riechender Geruch. Je nach Konzentration kann der Geruch zwar unangenehm sein, aber nicht so stark, dass man sofort an die frische Luft rennen will.
Wie kommt das Mittel zum Einsatz?
Aluminiumphosphid wird als Gift gegen Mäuse und Ratten verwendet und kommt auch in der Landwirtschaft zum Einsatz, etwa in Silos oder Getreidemühlen. Der Stoff wird in Tablettenform ausgelegt und gast dann in den Raum aus. Medienberichten zufolge soll das Mittel in einem Hotelzimmer unter dem Raum der Familie zum Einsatz gekommen sein.
Wie genau wirkt das Gift im Körper?
Nach Einatmen der Gase wird das Phosphin rasch resorbiert, verteilt sich im gesamten Körper und gelangt in Organe wie Leber oder Nieren. In den Zellen entfaltet das Gift dann seine Wirkung, indem es unter anderem die sogenannte Cytochrom-c-Oxidase blockiert. Dieses Enzym ist ein zentraler Bestandteil in jenen Stoffwechselvorgängen der Zellen, in denen Energie für letztlich alle Körperfunktionen bereitgestellt wird. Eine Blockade dieses Mechanismus führt sehr schnell zum Zusammenbruch der Energieversorgung einzelner Organe. Und damit zum Tod.

Tod in Istanbul:„Für den Menschen äußerst tödlich“
Die Hinweise verdichten sich, dass die Hamburger Familie durch Schädlingsbekämpfungsmittel vergiftet wurde. Der Inhaber und ein Mitarbeiter des Unternehmens, das in dem Hotel gearbeitet hatte, wurden festgenommen.
Welche Symptome treten bei einer Vergiftung auf?
In der Fachliteratur sind je nach Dosis zahlreiche Symptome dokumentiert, allen voran unspezifische Leiden wie Unwohlsein, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen. Besonders Brust- und Bauchschmerzen und Übelkeit können dazu führen, dass Mediziner die Symptome etwa mit einem Herzinfarkt oder einer akuten Lebensmittelvergiftung verwechseln. Das könnte auch erklären, warum bei der Familie zunächst der Verdacht bestand, sich auf einem der Straßenmärkte etwa mit verdorbenen Muscheln den Magen verdorben zu haben.
Bei höheren Dosierungen mit Phosphin kommt es zu gravierenden Symptomen wie Leber-, Nieren- und Lungenfunktionsstörungen sowie Krampfanfällen. Besonders das Herz scheint empfindlich auf Phosphin und auf Störungen der zellulären Energieversorgung zu reagieren, sagt Florian Eyer, Leiter der Abteilung für klinische Toxikologie und Giftnotruf am TUM Klinikum Rechts der Isar in München. Deshalb sterben die meisten Patienten primär an einem Herz-Kreislauf-Versagen.
Warum ist es so gefährlich?
Das Mittel weist eine extrem hohe akute Toxizität auf und kann mehrere Organe schädigen. Bereits eine geringe Dosis kann tödlich wirken, in der Fachliteratur wurde die potenziell letale Dosis beim Menschen mit etwa ein Gramm beschrieben, bei Kindern entsprechend weniger. Bei einer Phosphin-Inhalation sollen bereits wenige Minuten in einem kontaminierten Raum ausreichen, um tödlich zu wirken. Allerdings stammen diese Werte aus wenigen Fallberichten und hängen von den konkreten Gegebenheiten ab; etwa, wie groß und belüftet ein Raum ist. Das Problem ist auch: Es existiert kein spezifisches Gegengift; die Therapie der Patienten besteht im Wesentlichen darin, den Körper vor einem Organversagen zu bewahren.
Wie wird eine mögliche Vergiftung analysiert?
Bei Patienten mit Verdacht einer symptomatischen Phosphin-Vergiftung könne man frühzeitige Veränderungen in der Blut-Gas-Analyse erwarten, sagt Eyer. „Im Nachhinein aber ist eine Vergiftung mit Phosphin schwierig nachzuweisen.“ In der Obduktion könne man nun noch versuchen herauszufinden, ob bestimmte Organe Hinweise liefern, etwa Stauungen oder Flüssigkeitseinlagerungen in der Lunge, Leber, Niere oder Herz.
Wie kann man sich schützen?
Kontakt mit dem Mittel gilt es strikt zu vermeiden. Falls man etwas eingeatmet hat, bleibt als Erste-Hilfe-Maßnahme nur, sofort für frische Luft zu sorgen und schnell ein Krankenhaus aufzusuchen. Das Grundproblem aber ist das unspezifische Bild der Symptome. „Man denkt ja nicht sofort bei einem Knoblauchgeruch oder Magen-Darm-Problemen an ein Gift“, sagt Eyer. Auch hat sich die Familie laut Medienberichten zunächst mit unspezifischen Symptomen wie Magenschmerzen und Übelkeit im Krankenhaus vorgestellt – nicht ungewöhnlich, dass sich Touristen im Urlaub an einem Straßenstand eine Lebensmittelvergiftung einfangen.
Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde nach Veröffentlichung des Abschlussberichts aktualisiert.

