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Zika-Virus:Brasilien erlebt als erstes Land der Welt die volle Macht des Erregers

Die zwei vorangegangenen Zika-Ausbrüche, die wissenschaftlich dokumentiert wurden, erreichten nicht annähernd dieses Ausmaß. 2007 zog der Erreger über die Yap-Inseln im Pazifik. Nachdem er schnell den Großteil der nicht einmal 7000 Einwohner infiziert hatte, gingen ihm die Opfer aus.

Ein Ausbruch in den Jahren 2013 bis 2014 in Französisch-Polynesien verlief folgenreicher, nur wurde die Gefahr damals nicht bemerkt. Erst nachdem die Fehlbildungen in Brasilien bekannt wurden, blickten Wissenschaftler noch einmal genau in die Geburtenregister. Während sie in anderen Jahren durchschnittlich einen Fall von Mikrozephalie in der südpazifischen Region fanden, zählten sie für die Zeit der Zika-Infektionen 17 Fehlbildungen. Es könnte noch mehr Fälle gegeben haben, denn auf den Inseln sind - anders als in Brasilien - Abtreibungen legal. Möglicherweise haben Frauen einen Teil der Kinder, deren Ultraschallaufnahmen Auffälligkeiten zeigten, nicht ausgetragen.

Brasilien erlebt nun als erstes Land der Welt die volle Macht des Erregers, gegen den es weder Medikament noch Impfstoff gibt. 3900 Kinder mit Verdacht auf eine Mikrozephalie wurden bislang landesweit registriert. Zuvor gab es durchschnittlich nur 163 Fälle pro Jahr. Laura Rodrigues hält es allerdings für wahrscheinlich, dass nicht jedes dieser Kinder tatsächlich an der neurologischen Störung leidet, denn die Bundesstaaten des Landes legen unterschiedlich strenge Kriterien bei der Erfassung der Verdachtsfälle an.

Dass Epidemiologen teilweise im Dunkeln tappen, liegt auch an der bislang unzureichenden Diagnostik. "Das Virus kann lediglich während der akuten Infektion direkt nachgewiesen werden. Antikörper, die der Mensch als Reaktion auf die Ansteckung bildet, lassen sich nur schwer nachweisen, da die entsprechenden Tests auch mit verwandten Erregern wie dem Dengue- und Gelbfieber-Virus reagieren", erklärt Schmidt-Chanasit. Unglücklicherweise zirkulieren auch diese in Brasilien. Nur Speziallabore können die verschiedenen Erreger unterscheiden, solche Einrichtungen aber sind in Brasilien rar.

El Salvador ruft dazu auf, mit Schwangerschaften bis 2018 zu warten

Wegen dieses Mangels erfahren auch Frauen nicht, wenn ihnen keine Gefahr droht und sie relativ unbesorgt Kinder bekommen können. "Das Zika-Virus hinterlässt höchstwahrscheinlich eine lang anhaltende Immunität", sagt der Virologe Schmidt-Chanasit. Wären serologische Tests überall im Land jederzeit verfügbar, könnte man jenen Frauen Entwarnung geben, die bereits eine Infektion durchgemacht haben. Doch bislang hören Frauen in Brasilien eher den Rat, Schwangerschaften möglichst aufzuschieben. Auch in Kolumbien riet das Gesundheitsministerium Frauen vorsorglich, mit dem Nachwuchs zunächst sechs bis acht Monate zu warten. Ähnliche Empfehlungen wurden aus Ecuador und Jamaika berichtet, obwohl außerhalb Brasiliens noch keine durch Zika ausgelösten Mikrozephalie-Fälle bekannt sind. El Salvador empfiehlt sogar, bis 2018 zu warten.

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Solche Ratschläge könnten in einer Region, in der Abtreibungen verboten sind, gefährliche Folgen haben. Der Gesundheitsorganisation WHO zufolge unterziehen sich in Südamerika jährlich fast 300 000 Frauen einem illegalen und unsicheren Schwangerschaftsabbruch. 700 von ihnen überleben den Eingriff nicht. Die Zahlen könnten zunehmen, denn längst grassiert die Angst vor dem Zika-Virus in fast ganz Lateinamerika. 20 Staaten der Region haben bereits Zika-Infektionen registriert. Doch nirgends ist der Ausbruch bislang so heftig wie in Brasilien. Die US-Seuchenschutzbehörde CDC hat wie die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und das Auswärtige Amt Schwangere vor Reisen in Ausbruchsgebiete gewarnt.

Das Virus wurde bereits auch nach Europa eingeschleppt

Während der Erreger sich im südamerikanischen Raum weiter ausbreitet, haben Reisende das Virus bereits auch in europäische Länder eingeschleppt. Zwei Deutsche brachten es aus Haiti mit. Eine Übertragung durch einfachen Kontakt mit einem Infizierten wurde noch nicht beobachtet. Fallberichte legen jedoch nahe, dass der Erreger durch Bluttransfusionen und unter Umständen auch durch Geschlechtsverkehr übertragen werden kann. Mehr Sorgen bereitet der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC, dass die Überträgermücken vom Typ Aedes auch im Süden Europas heimisch sind. Im Winterhalbjahr sind sie kaum aktiv, in der wärmeren Jahreszeit allerdings könnten sie den Erreger theoretisch in großem Stil auf Menschen übertragen.

Die größte Hoffnung der Experten ist, dass die Infektionswelle in Lateinamerika rasch wieder abebbt. Allerdings, so die Epidemiologin Rodrigues: "Allein in Brasilien hat der Ausbruch wahrscheinlich seinen Höhepunkt noch nicht erreicht."

© SZ vom 26.01.2016/cmy
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