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Tuberkulose in der Ukraine:Der Ukraine-Konflikt befeuert ausgerechnet die gefährlichste Form von TB

Dass sich der Erreger in der Region so gut verbreitet, hat auch einen politischen Grund. Seit fast fünf Jahren haben prorussische Separatisten die Kontrolle im Osten der Ukraine übernommen. Etwa 10 000 Menschen sind in dem Konflikt gestorben, noch immer wird vereinzelt gekämpft. In Kramatorsk sieht man mit schweren Waffen und Soldaten beladene Armeefahrzeuge in Richtung der "Kontaktlinie" zu den Separatisten abfahren, die einige Dutzend Kilometer südöstlich verläuft. In die andere Richtung strömen seit Jahren Gesundheitsflüchtlinge.

Dmitri Volkov ist einer von ihnen, er stammt aus einer kleinen Stadt östlich der umkämpften Grenze. Nach der Machtübernahme der Separatisten hätten die Ärzte das dortige Programm für Süchtige und HIV-Infizierte noch ein Jahr lang irgendwie am Laufen gehalten. "Von einem Tag auf den anderen gab es keine Medikamente mehr", sagt Volkov. Dazu die ständigen Bombeneinschläge. "Ich hatte sehr viel Angst." Mittlerweile lebt er in Kramatorsk. Ein anderer Patient erzählt, er pendle täglich von einer Seite auf die andere. Heute habe er vier Stunden gebraucht, alleine zwei Stunden sei er am Grenzübergang aufgehalten worden. Tausende sind aus gesundheitlichen Gründen geflohen.

In Kramatorsk im Osten der Ukraine, sind viele Einwohner bettelarm. Wegen der unerträglichen wirtschaftlichen Lage greifen viele zu Drogen.

(Foto: Christoph Behrens)

Wie die Situation der Gebliebenen aussieht, lässt sich schwer abschätzen. Ärzte ohne Grenzen stellte vor zwei Jahren ein Tuberkulose-Programm in der selbsterklärten Volksrepublik Donetsk ein. Ein Komitee der Separatisten hatte der Organisation Spionage vorgeworfen und die Akkreditierung entzogen, unter Protest zogen die Helfer sich zurück. Aus Lugansk, der zweiten selbsternannten Volksrepublik, gibt es keine verlässlichen Zahlen zur Ausbreitung von Tuberkulose oder HIV. Hilfsorganisationen in Kiew berichten von schlimmen Zuständen entlang der Grenze, wo sich Soldaten gegenüberstehen. Weil einheimische Frauen kaum noch legale Erwerbsmöglichkeiten haben, hat sich ein riesiger Markt für Prostitution entwickelt, unter wenig hygienischen Bedingungen.

Ausgerechnet bei der Behandlung der XDR-TB, der gefährlichsten Form der Tuberkulose, wirkt sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine besonders gravierend aus. Während der Erreger sich weiterentwickelt hat, kämpfen die Ärzte im Prinzip noch mit den gleichen Antibiotika wie vor 50 Jahren gegen ihn an. Seit Kurzem sind nun zwei neue Substanzen auf dem Markt, Bedaquilin und Delamanid, die vor allem die Behandlungschancen der komplizierten XDR-TB verbessern. Als Medizinern von Ärzte ohne Grenzen damit kürzlich die Heilung eines Patienten mit extrem resistenten TB-Bakterien in Weißrussland gelang, feierte die Organisation das als Meilenstein. Doch in der Ukraine sind die Medikamente aus politischen Gründen nicht erhältlich. Janssen und Otsuka, die Hersteller der Wirkstoffe, haben den Verkauf in der Ukraine an die russischen Pharmakonzerne Pharmstandard und R-Pharm lizensiert. Doch die Russen dürfen seit dem Ausbruch des Konflikts keine Geschäfte mehr in der Ukraine tätigen, mit der Folge, dass den Medizinern vor Ort die neuen Medikamente fehlen. Otsuka teilte auf Anfrage mit, an dem Problem zu arbeiten. Nächstes Jahr will die japanische Firma den Stoff gesondert auf dem ukrainischen Markt anbieten.

Jährlich infizieren sich weltweit zehn Millionen Menschen mit TB, 1,7 Millionen sterben daran

Doch das Problem ist größer als zwei einzelne Substanzen. "Es herrscht ein riesiger Mangel an neuen Medikamenten gegen TB", sagt der Mediziner Yuri Varchenko aus Kiew. Für Pharmafirmen sei die Krankheit finanziell nicht interessant genug, um daran zu forschen. Das mag angesichts der Größe der Epidemie paradox erscheinen, immerhin infizieren sich jährlich weltweit mehr als zehn Millionen Menschen mit TB, 1,7 Millionen sterben daran. Doch die Kranken leben außer in Osteuropa und Russland etwa in den Slums von Indien, Pakistan oder Südafrika. Eine wenig zahlungskräftige Klientel. "Der Markt ist an diesem Problem einfach nicht interessiert", sagt Varchenko. Zu diesem Marktversagen kommt eine gute Portion Ignoranz. Denn schon Mitte des 20. Jahrhunderts hielten viele Epidemiologen den Erreger fälschlicherweise für so gut wie besiegt.

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Die Fehleinschätzung trifft nun auch die reicheren Staaten. In Deutschland ist die Zahl der neuen Tuberkulose-Fälle in den vergangenen Jahren leicht gestiegen, laut Robert-Koch-Institut auf insgesamt 5900 Fälle im Jahr 2016. Immerhin mehr als 100 Mal diagnostizieren Ärzte in Deutschland jedes Jahr eine multiresistente Tuberkulose. "Das sind immer noch sehr seltene Ereignisse", sagt Torsten Bauer, der als Chefarzt der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin eines der größten Tuberkulose-Zentren Deutschlands leitet. Doch wenn eine solche Diagnose gestellt werde, sei die Therapie häufig sehr kompliziert und langwierig. "Die Therapie von MDR-TB ist eigentlich Nebenwirkungsmanagement", sagt Bauer. Die Antibiotika führen zu ständiger Übelkeit, sie belasten Leber und Niere. Patienten können Schwierigkeiten mit dem Hören und Sehen bekommen, ihr Gleichgewichtssinn kann gestört werden. Bei fünf bis sechs Medikamenten seien die Wechselwirkungen kaum noch zu beurteilen. Dass die Patienten die vielen Antibiotika überhaupt verkrafteten, liege häufig nur an ihrem jungen Alter.

Fast alle von Bauers Patienten mit resistenter Tuberkulose stammen mittlerweile aus ehemaligen GUS-Staaten. "Health-seeking migration", nennt der Mediziner dieses Phänomen, Einwanderung aus gesundheitlichen Gründen. Häufig ist es dann bereits zu spät. "Vor Kurzem ist eine junge Mutter bei uns gestorben", sagt Bauer. Als sie ankam, seien ihre Lungen bereits fast komplett zerstört gewesen. Vier Jahre behandelte er die Frau, währenddessen wurden ihre beiden Kinder eingeschult. Nun mussten sie mit ansehen, wie ihre Mutter beerdigt wird.

"Wir brauchen eine frühere Diagnose, neue Medikamente und einen besseren Impfstoff", sagt Stefan Kaufmann, der als Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für Infektionsbiologie den TB-Erreger seit Jahrzehnten erforscht. Nur dann könne die Tuberkulose eingedämmt werden. Kaufmann schätzt, dass allein zwei Milliarden Euro jährlich für Forschung nötig wären, vier Mal so viel wie derzeit. Ein neuer Impfstoff werde dringend gebraucht. Die vor Jahrzehnten entwickelten Vakzine bieten längst keinen Schutz mehr. Kaufmann startet derzeit selbst eine Phase-3-Studie in Indien. Dort sollen vom kommenden Jahr an 2000 Erwachsene geimpft werden, um einen am MPI entwickelten Wirkstoff zu testen. Denn bei bis zu 15 Prozent der schon als geheilt geltenden Personen flammt die Erkrankung später wieder auf, häufig in zäherer Form. "Genau diese Personen werden jetzt geimpft", sagt Kaufmann. Ende 2019 rechnet er mit Ergebnissen. Wenn es klappt, "wäre das der erste Impferfolg".

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Tuberkulose

"Nur die Spitze des Eisbergs"

Eindrücke aus der ukrainischen Stadt Kramatorsk, wo viele Einwohner mit HIV, Drogen und Tuberkulose kämpfen.