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Tuberkulose:Eine böse alte Bekannte

Tuberkulose

Es gab Zeiten, da wurde regelmäßig auf Tuberkulose getestet. Heute glauben viele Menschen, dass sie längst ausgerottet sei. Ein Irrtum.

(Foto: CDC)

Viele mögen Tuberkulose in Deutschland für ausgerottet halten. Doch der Medizin gelingt es nicht, die Infektion ganz zurückzudrängen. Sorgen bereiten den Ärzten resistente Erreger-Stämme und immer mehr erkrankte Kinder.

Warum muss er allein in diesem Zimmer bleiben? Was sollen all die Untersuchungen? Was passiert hier überhaupt? Diese und noch viel mehr Fragen beschäftigen einen Tuberkulose-Patienten, wenn er im Krankenhaus das erste Mal auf Christian Herzmann trifft. Der Arzt vom Forschungszentrum Borstel in Schleswig-Holstein weiß um die Ängste seiner Patienten - und konnte bis vor Kurzem trotzdem oft nicht ausreichend darauf reagieren: weil er sich kaum mit ihnen verständigen konnte. Denn viele Patienten kommen aus dem Ausland, sprechen meist weder Deutsch noch Englisch, viele können nicht lesen und schreiben.

Seit ein paar Monaten kann Herzmann seine Patienten immerhin mithilfe kurzer Videofilme und einer Smartphone-App besser verdeutlichen, woran sie leiden und was auf sie während der Therapie zukommt. Zusammen mit Kollegen, Sprachexperten und einem Regisseur hat Herzmann das Projekt "Explain Tb" entwickelt. Zum großen Teil durch private Spenden finanziert, bietet es in mehr als 30 Sprachen per Smartphone Informationen zu Tuberkulose, ihrer Diagnose und Behandlung.

In mehr als 70 Ländern werde das Programm inzwischen genutzt, sagt Herzmann. Seiner Ansicht nach braucht es solche vergleichsweise neuen Technologien, um die jahrtausendealte Krankheit Tuberkulose zu bekämpfen - auch in Deutschland.

Denn selbst wenn viele Menschen hierzulande Tuberkulose nicht für die größte Gesundheitsgefahr, ja sogar für ausgerottet halten mögen: Die Infektion kursiert nach wie vor auch bei uns sowie in anderen hoch industrialisierten Ländern, wie Experten anlässlich des Welttuberkulosetages am kommenden Montag betonen. Für das Jahr 2012 registrierte das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin etwa 4220 Neuerkrankungen und mehr als 140 Tb-bedingte Todesfälle. 2013 stieg die Zahl der bekannt gewordenen Erkrankungen leicht, auf 4310, und im laufenden Jahr wurden bislang mehr als 700 Tb-Fälle gemeldet.

Kürzlich starb in Brandenburg eine Frau an Tuberkulose. Sie war bereits früher an der Infektion erkrankt und hatte sich davon zunächst erholt. Dann aber brach die Tb wieder aus, als die Frau wegen einer anderen Erkrankung bereits geschwächt war. Dieses Lauern im Hintergrund ist typisch für den Tb-Erreger: Er kann sich im menschlichen Körper jahrelang verstecken und erst zuschlagen, wenn er vom Immunsystem wenig zu befürchten hat.

Furcht vor resistenten Erregern

Die Fallzahlen in Deutschland sind zweifellos niedrig verglichen mit der weltweiten Situation. So berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 8,6 Millionen Neuerkrankungen und 1,3 Millionen Tb-Toten im Jahr 2012. "Insgesamt ist die Situation in Deutschland im weltweiten Vergleich günstig", sagt Walter Haas, Infektionsepidemiologe am RKI. "Die Meldezahlen sind in den letzten Jahren allerdings deutlich langsamer gesunken und erreichen inzwischen ein Plateau."

Daneben sieht der Experte zwei weitere Auffälligkeiten. Zum einen erkranken zunehmend Kinder, auch wenn hier die absolute Zahl der Fälle pro Jahr mit knapp 180 noch niedrig ist. Zum anderen steigt seit drei Jahren - ebenfalls langsam - der Anteil der Tb-Infektionen mit multiresistenten Erregern.

Im Jahr 2012 registrierte das RKI 65 solcher Fälle. Diese lassen sich zwar noch behandeln. Doch die ohnehin aufwendige Therapie dauert dann 20 Monate oder mehr und erfordert Medikamente, die oft heftige Nebenwirkungen haben. Deshalb brechen viele Betroffene die Behandlung vorzeitig ab. Das aber schadet nicht nur ihnen selbst, sondern fördert auch die Entstehung weiterer resistenter Erreger. "Die Gefahr besteht, dass sich dieser Trend verstärkt", sagt Haas. Denn viele Patienten, deren Erkrankung in Deutschland festgestellt und behandelt wird, stammen aus Osteuropa. Dort liegt der Anteil der multiresistenten Tb-Keime deutlich höher.

Auch innerhalb Deutschlands sind die Erkrankungszahlen sehr verschieden verteilt. Der Bundesdurchschnitt liegt bei gut fünf Fällen pro 100 000 Einwohnern. Doch betroffen sind vor allem Großstädte und darin Menschen, die laut Statistik zur Risikogruppe gehören: Wohnungslose, Drogenabhängige, HIV-Infizierte, Häftlinge und Migranten aus Ländern mit hoher Tb-Rate. Jeder Zweite, der 2012 in Deutschland eine Tuberkulose-Diagnose erhalten hat, wurde in einem anderen Land geboren.

Doch warnt Haas davor, Tuberkulose allein als ein Problem im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Einwanderern zu sehen: "Die Migration spielt für den sich verlangsamenden Rückgang der Tb-Zahlen in Deutschland sicher eine Rolle. Aber allein damit lässt sich die Entwicklung auch nicht erklären." Dass Tb sich im vergangenen Jahrzehnt nicht völlig aus Deutschland verdrängen ließ, hat mehrere Gründe, die die Forscher derzeit noch ergründen.

© SZ vom 22.03.2014/beu

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