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Tricks der Lebensmittelbranche:Aus der Region - Die neue Goldgrube der Branche

"Regionalität ist das neue Bio" heißt es derzeit in der Branche. "Aus der Region" klingt gesund, frisch und politisch korrekt, so wie es Öko-Produkte waren, bevor selbst Discounter ungesundes Naschwerk mit Bio-Siegel verzierten. Fast 80 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage des Bundesverbraucherministeriums bereit, für Lebensmittel aus der Region mehr Geld zu zahlen.

Umso schöner für die Hersteller ist, dass sie Aussagen wie "Aus der Region für die Region" recht frei verwenden können. Nirgendwo ist bislang einheitlich geregelt, was überhaupt als Region gilt. Der Landkreis? Das Bundesland? Die Kontinentalplatte?

Selbst bei Siegeln mit klar definierten Regionsgrenzen wie "Geprüfte Qualität Hessen" oder "Bewährte Qualität Sachsen" herrscht Wirrwarr, wie eine Marktstudie der Verbraucherzentralen aus dem Jahr 2010 ergab. Die Ländersiegel basieren auf insgesamt 190 verschiedenen Richtlinien. Die Ansprüche variieren von Land zu Land: So verlangen Bayern und Baden-Württemberg, dass fast alle Zutaten eines Lebensmittels aus dem Land stammen, Thüringen gibt sich dagegen mit der Hälfte zufrieden.

Und prinzipiell sollten sich Käufer bewusst machen: "Regionalität allein stellt noch keinen moralischen Wert dar", erläutert Ulrich Ermann, Professor für Humangeografie an der Universität Graz, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. Geografische Nähe sagt nichts über die Qualität eines Produktes oder die sozialen und ökologischen Bedingungen bei seiner Herstellung aus. "Selbst die Energiebilanz des Transportes lässt sich allein an der Distanz zwischen Erzeugungs- und Verkaufsort kaum festmachen", sagt Ermann. Produkte aus Übersee können aufgrund hoher Stückzahlen unter Umständen weniger Transportenergie verbrauchen als eine logistisch wenig effiziente Lieferung kleiner Stückzahlen über kurze Strecken.

Die Alternative: Gehen Sie zum Erzeuger, etwa auf Bauernhöfe und Wochenmärkte, und fragen Sie ihn nach seinen Produktionsmethoden. Allerdings sollten Sie nach Möglichkeit auf das Auto verzichten oder die Tour mit anderen Erledigungen koppeln, wenn Ihnen auch die Energiebilanz Ihrer Einkäufe am Herzen liegt. Denn diese Bilanz ist besonders schlecht, wenn jeder Käufer einzeln zum abgelegenen Bauernhof fährt. Wenn Sie viel Wert auf Frische legen, richten Sie sich nach einem Saisonkalender.

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