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Transplantationsskandal:Transplantationsrichtlinien bei Alkoholkranken

Für das Transplantationswesen wichtig dürfte aber vor allem ein weiterer Punkt des Karlsruher Urteils werden. Nach den Transplantationsrichtlinien der Bundesärztekammer darf einem Alkoholiker, der weniger als sechs Monate trocken ist, keine Leber transplantiert werde. Aiman O. hatte sich auch darüber hinweggesetzt. Im Göttinger Prozess hatten Gutachter diese Regel allerdings bereits in medizinischer Hinsicht in Frage gestellt, weil eine Transplantation auch bei Alkoholkranken erfolgversprechend sei, die noch nicht sechs Monate trocken sind.

Darauf verweist auch der BGH. Zugleich erhebt er einen grundsätzlichen Einwand gegen die Richtlinie. Dem Arzt könne kein Vorwurf daraus gemacht werden, dass er sich über die Regel hinweggesetzt habe - weil es sich dabei nicht um ein Gesetz, sondern lediglich um eine Richtlinie der Ärztekammer handle. Laut Grundgesetz aber gilt: Keine Strafe ohne Gesetz.

Aus Sicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz ist diese Aussage geeignet, das System der Organverteilung ins Wanken zu bringen. Vorstand Eugen Brysch nennt das Urteil einen Weckruf für den Bundestag. Denn das Gericht bestätige, dass die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Verteilung der Organe in Teilen verfassungswidrig seien. "Damit können Verstöße gegen verfassungswidrige Regeln auch strafrechtlich nicht verfolgt werden."

Manipulationen werden mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet

Die Organverteilung dürfe aber nicht in jedem Transplantationszentrum nach eigenen Regeln organisiert werden. "Das wäre zutiefst ungerecht. Schließlich geht es um Entscheidungen von Leben und Tod." Brysch fordert, das Transplantationssystem in staatliche Hände zu übergeben. Seit 2013 gibt es indes eine Strafvorschrift: Manipulationen werden mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet.

Für Aiman O. geht der Prozess also nun endgültig mit einem Freispruch zu Ende - so hatte schon das Landgericht geurteilt. Dass O. so davonkommen sollte, war damals für viele Beobachter des Prozesses unfassbar. Denn was in dem Transplantationszentrum des Göttinger Universitätsklinikums unter seiner Führung geschehen war, hat die Mehrheit der Bevölkerung zutiefst verstört. Wochenlang beherrschte das Thema im Sommer 2012 die Nachrichten; die Zahl der gespendeten Organe sank dramatisch und hat sich bis heute nicht wieder erholt.

Schließlich wurden durch die Manipulationen in Göttingen nicht nur Patienten anderer Transplantationskliniken übervorteilt. Es wurden auch die Spender, deren Angehörigen und die sich engagierenden Ärzte betrogen, die im Glauben an ein gerechtes System Kranken Organe zur Verfügung gestellt haben.

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