Süddeutsche Zeitung

Tipps für den Einkauf von Müsli:In der Zuckerfalle

"Weniger Zucker" heißt nicht unbedingt weniger süß. "Weniger süß" bedeutet nicht automatisch gesünder. Müsli ist ein Beispiel für das Versteckspiel mit Zucker. Man muss genau aufpassen, um nicht auf die Tricks der Hersteller hereinzufallen.

Bis zu 40.000 Artikel liegen in einem durchschnittlichen deutschen Supermarkt aus. Welche taugen etwas? Was nützt, was schadet der Gesundheit? Wie sinnvoll sind Bio-Nahrungsmittel und welche Werbefallen stellt die Lebensmittelindustrie dem Konsumenten? In dieser Serie bewerten wir weit verbreitete Lebensmittel für Sie. Teil 29: Müsli.

Der Zucker wurde zum Knackpunkt, als John Harvey Kellogg vor mehr als 100 Jahren in seinem Sanatorium die Frühstücksflocken erfand. Der amerikanische Arzt hatte sich dem Kampf gegen die Verstopfung verschrieben, langanhaltendes Kauen sollte dem Übel vorbeugen. Eigens für diesen Zweck erfand er Getreideplättchen, die Zähnen und Spucke möglichst lange standhielten: Die Cornflakes waren geboren. Johns Bruder Will erkannte das Potenzial der Flocken. Er fügte Zucker hinzu, der Verkauf zog an - und die brüderliche Eintracht schwand.

Geschmacklose Körner oder Zuckerbomben - zwischen diesen Polen bewegen sich die Frühstücksflocken noch heute. Und man kann bereits an der Lebensgeschichte der beiden Brüder absehen, was erfolgreicher ist. Der Arzt John war am Ende hochverschuldet, weil seine Körnerkauerei und asketischen Praktiken nicht attraktiv genug waren, um Besucher in sein Sanatorium zu locken. Bruder Will gründete mit seinen pappsüßen Flocken ein rasant wachsendes Unternehmen, das heute einen Jahresumsatz von zehn Milliarden Dollar hat.

Cerealien speziell für Kinder sind viel süßer

Am empfänglichsten für das zuckergebadete Getreide sind Kinder. Je süßer das Müsli, umso größere Portionen füllen sich Kids in die Schüssel, haben US-Wissenschaftler in einem Ferienlager beobachtetet. Die Hersteller haben dies längst verstanden. So sind die Cerealien, die speziell für Kinder vermarktet werden, sehr viel süßer. In ihnen fand die Organisation Foodwatch 2012 etwa 50 Prozent mehr Zucker als in Erwachsenen-Produkten: Im Schnitt bestehen die Flocken in den kunterbunten Kartons zu 30 Prozent aus Zucker. Produkte, die eher für Erwachsene konzipiert sind, enthalten etwa 20 Prozent Zucker. "Die Situation dürfte im Wesentlichen noch genauso sein", sagt Anne Markwardt von Foodwatch.

Nun macht der Zucker die Kinder aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwerkrank und auch nicht im medizinischen Sinne süchtig. Doch der Stoff kann Karies und Übergewicht begünstigen, da er Kalorien aber keinen Nährwert bietet. Und er prägt den Geschmack der Kinder. Wer von klein auf schon zum Frühstück zuckrige Flocken löffelt, wird einer Möhre - obwohl sie von Natur aus recht viel Zucker enthält - nicht viel abgewinnen können.

Die meisten Menschen wissen um die Probleme des Zuckers - und so helfen ihnen die Hersteller, das schlechte Gewissen zu beruhigen, indem sie mit weniger oder besserem Zucker werben. Unbesehen glauben sollten Müsli-Käufer solche Aussagen nicht.

Fauler Zauber auf dem Etikett

Misstrauen ist bei folgenden Begriffen angebracht:

  • "Weniger süß": "Für diesen Begriff gibt es keine gesetzliche Vorgabe", sagt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern. In der Regel beziehen sich die Hersteller dabei lediglich auf den Geschmack. Das Produkt wirkt etwas weniger zuckrig, weil schwächer süßende Zuckerarten wie Traubenzucker oder Oligofruktose eingesetzt wurden. Doch egal, welche dieser Süßmacher verwendet werden: Für die Ernährung und Gesundheit bedeuten sie keine wesentlichen Unterschiede. "Zucker ist Zucker", sagt Anne Markwardt.
  • "Reduzierter Zuckergehalt": Steht diese Formulierung auf der Verpackung, enthalten die Flocken 30 Prozent weniger Zucker als vergleichbare Produkte. Das muss nicht viel heißen. Denn einige Cerealien bringen es auf mehr als 40 Prozent Zucker; selbst nach der Reduzierung um ein Drittel liegt ihr Zuckergehalt noch knapp über dem Durchschnitt.
  • "Zuckerarm und Zuckerfrei": Hier gibt es zwar genaue Grenzwerte: Arm an Zucker darf sich ein Produkt nennen, das höchstens fünf Prozent Zucker enthält, zuckerfrei eines, dass maximal 0,5 Prozent beeinhaltet. Heikel ist aber die Definition von Zucker. "Dabei müssen die sogenannten Polysaccharide wie Glukosesirup nicht mit berücksichtigt werden. Es kann also sein, dass ein 'zuckerfreies' oder 'zuckerarmes' Produkt Glukosesirup enthält", sagt Daniela Krehl. Die Industrie setzt den Stoff auch deshalb so gerne ein, weil sie den Zucker dahinter verstecken kann. Der gleiche Trick erschwert Verbrauchern den Blick in die Nährwerttabelle. Bei dem dort ausgewiesenen Zuckergehalt muss Glukosesirup ebenfalls nicht berücksichtigt werden.
  • "Mit Süße aus Früchten": Hinter dieser Bezeichung verbirgt sich häufig Fruchtzucker, auch Fruktose genannt. Die Hersteller setzen ihn gerne ein, er ist billiger, süßer als Haushaltszucker - und klingt dabei naturbelassen und gesund. Ein Trugschluss: "Viele Gesundheitsbewusste ahnen nicht, dass ein hoher Konsum von Fruchtzucker Fettstoffwechselstörungen, Insulinresistenzen und Fettleibigkeit begünstigen kann", sagt Daniela Krehl. Bereits 35 Gramm Fruchtzucker pro Mahlzeit gelten als bedenklich.

Wer also möglichst wenig Zucker in seinen Flocken haben möchte, muss sehr genau die Zutatenliste studieren - oder gleich auf Fertigmischungen verzichten.

Was taugen Vollkorn und Trockenobst?

Prinzipiell sind Cerealien kein schlechter Start in den Tag. Vor allem Vollkorn scheint von Vorteil zu sein. In der bislang größten Studie dazu haben Wissenschaftler mehr als 350.000 Menschen beobachtet. Es zeigt sich, dass diejenigen, die viel Vollkornbrot und -müsli aßen, seltener an Herz-Kreislauf-Leiden, Infektionen und Atemwegserkrankungen starben.

Früchte in der Müslischüssel sind ebenfalls zu empfehlen. "Dabei ist Trockenobst per se keine schlechte Wahl", sagt Daniela Krehl. Zwar geht das Vitamin C durch die Hitzebehandlung verloren, doch viele Mineralstoffe wie Magnesium oder Kalium sind in den getrockneten Obststückchen hochkonzentriert enthalten. Bei Fertigmischungen ist allerdings keine Mindestmenge an Obst vorgeschrieben; viele enthalten überwiegend Rosinen, da sie preiswert und sehr süß sind.

Ausdrücklich raten Experten von Cerealien ab, die Schokolade oder Nougatfüllungen enthalten. Sie bedeuten zusätzlich zum Zucker jede Menge Fett. Mit einer Cerealien-Portion von 50 Gramm wird bereits ein Großteil der Tagesration an Fett und Zucker aufgenommen, warnen die Verbraucherzentralen.

Was also tun? Wer ein möglichst gesundes Frühstück essen will, muss sehr genau auf die Zutatenliste schauen. Oder er mischt pure Getreideflocken mit frischem oder getrocknetem Obst, Nüssen, Kernen und bei Bedarf ein wenig Zucker oder Süßstoffen.

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