Tipps für den Einkauf von Eiern:Kannibalen und Chicken-Sexer: Das Leid der Tiere

Auch wenn viele Eierverpackungen anderes suggerieren: Mit Pettersson-und-Findus-Charme hat ein heutiges Hühnerleben wenig zu tun. Die verbreiteten Probleme der Hennenhaltung:

Enge

Die größte Legebatterie der Welt steht in Japan. Auf 18 Etagen stapeln sich die Hühnerkäfige in lichtlosen Hallen, beschreibt es der US-Autor Jonathan Safran Foer in seinem Buch: "Tiere essen". Dagegen wirkt fast schon gemütlich, wie Hennen in Deutschland leben. Die Käfighaltung ist EU-weit seit 2012 verboten. In Deutschland ist an ihre Stelle die "Kleingruppen-Haltung" getreten. Das klingt hübsch, vor allem wenn man bedenkt, dass die Gruppe mit bis zu 60 Tieren tatsächlich vergleichsweise klein und ihre Umgebung "ausgestaltet" ist: Da gibt es Scharrmatten, Sitzstangen und Nester. Ist Deutschland das Land der glücklichen Hühner?

"Die Kleingruppe sitzt noch immer im Käfig", sagt Esther Müller, Biologin und Fachreferentin beim Deutschen Tierschutzbund. Und in diesen Käfigen herrscht qualvolle Enge. Auf jedem Quadratmeter drängen sich mehr als zwölf Hennen. Eine solche Enge begünstigt Verhaltensauffälligkeiten. Hühner picken ihren Artgenossen die Federn aus und hacken immer wieder auf die blutigen Stellen ein. Selbst Kannibalismus kann vorkommen.

Allerdings haben Käfigeier - zu denen auch die Kleingruppen-Eier gezählt werden müssen - schon seit Jahren ein so schlechtes Image, dass die Hersteller sie kaum mehr offen anbieten. Stattdessen färben sie sie als fröhliche Ostereier ein oder verarbeiten sie in Nudeln und Kuchen.

Heute stammen mehr als 60 Prozent aller Eier aus Bodenhaltung. Das klingt erdverbunden, ein Hühnerparadies ist diese Haltung allerdings nicht. Bis zu neun Tiere teilen sich einen Quadratmeter. "Auch das ist definitiv zu wenig Platz", sagt Müller.

Etwas mehr Raum gibt es in Freilandhaltung (zusätzlich noch ein Auslauf von vier Quadratmetern pro Huhn) und in Biohaltung (bis zu sechs Hühner pro Quadratmeter und Auslauf von vier Quadratmetern pro Huhn). Ob dieser Platz wirklich ausreicht, ist umstritten. "Prinzipiell geht es den Hühnern besser, je mehr Platz sie haben", sagt die Tierschützerin.

Schnäbelstutzen

Mit dieser Maßnahme versuchen Landwirte, die Auswirkungen des Federpickens zu reduzieren: Sie stutzen den Vögeln die Schnäbel. Der Schnabel aber ist bis in die Spitzen von Nerven durchzogen. "Man geht davon aus, dass die Tiere eine Art Phantomschmerz haben können, wenn diese Nerven beschädigt sind", erläutert Esther Müller. Die gekürzten Schnäbel kommen nur in konventioneller Haltung vor. "Offiziell ist diese Maßnahme nur in Ausnahmefällen erlaubt, doch praktisch ist es die Regel", sagt Müller.

Kükentötungen

Legehennen sind heute allein auf das Legen von Eiern gezüchtet. Unglücklicherweise schlüpfen aus ihren Eiern nicht nur neue Legehennen, sondern auch männliche Küken. Es sind Geschöpfe, die keiner gebrauchen kann, denn anders als die speziell gezüchteten Masthähnchen setzt der Legehennennachwuchs nicht genug Fleisch an. Dann schlägt die Stunde der "Chicken Sexer", jener Arbeiter, die am Fließband die männlichen Küken ausmustern, um sie ihrer Vernichtung zuzuführen. Die winzigen Vögel werden geschreddert oder mit Kohlendioxid erstickt und anschließend an Zootiere verfüttert. 45 Millionen Küken werden auf diese Art jährlich in Deutschland getötet, berichtet Greenpeace. "Dies ist ein ungelöstes Problem, das Biohöfe ebenso wie konventionelle Betriebe betrifft", sagt Müller. Einige Unternehmen wie die Hermannsdorfer Landwerkstätten bei München versuchen sich an der Züchtung neuer Kombirassen, die gleichermaßen Eier und Fleisch liefern. Doch solche Initiativen sind die Ausnahme.

So stellt sich die Frage, ob man als Verbraucher überhaupt noch guten Gewissens Eier genießen kann. Die Tierschutzorganisation Peta glaubt nicht daran. Sie hat mehrfach entsetzliche Zustände auf Hühnerfarmen - selbst in Biohaltung - dokumentiert und kommt zu der radikalen Empfehlung, dass nur eine vegane Ernährung das Leid der Tiere stoppen könne. Soweit geht Esther Müller vom Deutschen Tierschutzbund nicht. Sie empfiehlt, mindestens Bioeier zu kaufen. Wen die jüngsten Skandale um falsch deklarierte Eier verunsichern, sollte direkt beim Erzeuger einkaufen. Auch Agrarwissenschaftler Grashorn empfiehlt, sich ein Bild beim Erzeuger zu machen. "Es fällt dann leichter auf, wenn da gemauschelt wird."

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