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Covid-19:Warum deutsche Kliniken kaum zur Erforschung von Covid-19-Therapien beitragen

Coronavirus - Berlin

Im März stellte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) 150 Millionen Euro für das "Netzwerk Universitätsmedizin" zum "Kampf gegen Covid-19" bereit. Was mit dem Geld bisher geschah? "Zunächst standen vor allem strukturierende Arbeiten im Vordergrund", heißt es aus dem Ministerium.

(Foto: Michael Kappeler/picture alliance/dpa)

Obwohl das Bundesforschungsministerium schon mehr als 150 Millionen Euro für die Untersuchung bereitgestellt hat, sind die Erkenntnisse mager.

Von Christina Berndt und Markus Grill

Was braucht die Menschheit, wenn sich ein neues Virus rund um den Planeten austobt? Möglichst einen Impfstoff - aber auch Therapien, um die Kranken zu behandeln. Das dachte man sich auch im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und stellte schon im März 150 Millionen Euro unter anderem dafür bereit, dass Deutschlands Universitätskliniken gemeinsam mögliche Therapien gegen Covid-19 entwickeln und überprüfen. Alle Unikliniken sollten Daten über ihre Covid19-Patienten liefern. Mit diesen Daten könne man dann "schnell, qualitätsgesichert und schlagkräftig agieren", um unter anderem Therapien zu entwickeln. Schließlich hatten alle großen Pharmafirmen sehr bald in ihren Arzneischrank geschaut und mögliche Mittel zur Behandlung von Covid-19 angeboten - das Malariamedikament Hydroxychloroquin etwa, den Entzündungshemmer Dexamethason oder das Ebola-Mittel Remdesivir. Was die taugen, konnte nur in umfangreichen klinischen Studien untersucht werden - mit möglichst vielen Patienten.

Die Welt weiß inzwischen viel über den Nutzen von Remdesivir, Dexamethason und anderen Medikamenten gegen Covid-19. Nur: Deutschlands Wissenschaft hat zu diesen Erkenntnissen fast nichts beigetragen. Die 150 Millionen Euro, die das BMBF für ein zu entwickelndes "Netzwerk Universitätsmedizin" bereitgestellt hat - sie sind bislang vor allem in Strukturen gesteckt worden, wie Recherchen von NDR, WDR und SZ ergeben. "Zunächst standen vor allem strukturierende Arbeiten im Vordergrund, während die wissenschaftlichen Teilprojekte jetzt gestartet sind", teilt das BMBF auf Anfrage mit. Mittlerweile seien aber "in die Kohortenstudie die ersten Patient/innen eingeschlossen worden". Auch zu internationalen Projekten wie der "Solidarity"-Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben deutsche Kliniken, anders als geplant, nichts beigetragen.

Zwar haben sich an manchen klinischen Studien mit finanzieller Unterstützung der Pharmafirmen auch einzelne deutsche Universitäten beteiligt. Aber sie testeten die Mittel allenfalls an ein paar Dutzend Corona-Patienten. Mit den Ergebnissen lässt sich nichts anfangen: "Alle solche Studien, die weniger als 200 Patienten einschließen, sind eigentlich für die Katz", sagt Frank Brunkhorst, der an der Universität Jena das Zentrum für klinische Studien leitet. In einer Pandemie brauche man große Studien mit mehreren Tausend Patienten, sagt Brunkhorst. Nur daraus ergeben sich so robuste Erkenntnisse, dass sie in Leitlinien zur Behandlung von Covid-19-Patienten einfließen können.

Die wichtigen Studien zum Thema haben derweil im Ausland stattgefunden. Wie koordinierte Forschung schnell zu Ergebnissen führt, hat vor allem Großbritannien gezeigt. Dort hat das staatliche Gesundheitswesen NHS schon im Frühjahr die "Recovery"-Studie aufgelegt: 175 britische Kliniken nahmen daran teil und behandelten mehr als 11 000 Covid-19-Patienten mit sechs verschiedenen Therapien. Schon bald wurde die Behandlung von Covid-19-Patienten dadurch auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt. So zeigte sich bereits im Juni, dass Hydroxychloroquin, welches US-Präsident Donald Trump zuvor intensiv beworben hatte, eher schadet als nützt. Und im Juli folgten Daten, wonach Dexamethason die Sterblichkeit durch Covid-19 deutlich reduziert.

Patienten aus Ägypten, Iran, Honduras nahmen an der "Solidarity"-Studie teil - aus Deutschland niemand

Deutsche Kliniken schafften es dagegen nicht einmal, sich an der "Solidarity"-Studie der WHO zu beteiligten - obwohl manche diesen Akt der Solidarität geplant hatten. Von Ägypten über Österreich, Honduras, Iran, Frankreich und Südafrika trugen 30 Länder Daten von mehr als 12 000 Corona-Patienten bei. Gemeinsam zeigten sie, dass neben Hydroxychloroquin auch Remdesivir und Interferon "kaum etwas oder gar nichts dazu beitragen, den Tod durch Covid-19 zu verhindern oder den Krankenhausaufenthalt zu verkürzen", wie WHO-Generalsekretär Tedros Ghebreyesus im Oktober verkündete. Zu diesen Ergebnissen hatte am Ende keine einzige deutsche Klinik auch nur die Daten eines Patienten zugeliefert, obwohl das BMBF explizit zu diesem Zweck noch einmal 1,7 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hatte.

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Die Koordination für die Beteiligung deutscher Zentren am Solidarity-Trial lag laut BMBF beim Deutschen Zentrum für Infektionsforschung und dem Deutschen Zentrum für Lungenforschung. Zuständig in beiden Einrichtungen ist der Medizinprofessor Tobias Welte aus Hannover. Er verweist auf bürokratische Hemmnisse, die es deutschen Universitäten schwermache, an Studien wie "Solidarity" teilzunehmen. Studiendetails seien "entsprechend dem aktuellen Stand des Wissens andauernd verändert" worden. Jede einzelne Änderung müsse in Deutschland aber erst vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte genehmigt werden. Die Verzögerung sei "bedauerlich", sie sei jedoch den strengen Vorschriften geschuldet.

Für den Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes ist das ein Ärgernis. "Ich verstehe nicht, dass wir neun Monate nach Beginn der Pandemie nicht mal die einfachsten Dinge geklärt haben - obwohl unser biologisches und ökonomisches Leben davon abhängt." Die Strukturen, die in Deutschland offenbar mühsam aufgebaut werden, während die Pandemie womöglich schon ihrem Ende entgegengeht, seien in Großbritannien historisch gewachsen, so Antes. "Da wäre es das Naheliegende gewesen, wenigstens Patienten in die gut funktionierenden Studienverbünde anderswo einzubringen."

Doch möglicherweise gibt es nicht nur bürokratische Hemmnisse. Viele Kliniker wollen hierzulande eher für sich arbeiten, sagt Frank Brunkhorst, die angelsächsische Wissenschaftskultur sei da viel pragmatischer. Brunkhorst gehört selbst zum weltweiten Forschungsverbund Remap-Cap, der die Behandlung von Lungenentzündungen erforscht. Nach seinen Worten gehören schon 22 deutsche Krankenhäuser dazu. 22 von 2000 Kliniken, die es hierzulande gibt.

© SZ
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