Psychotherapie:Schwänzen ist unsolidarisch - nicht nur beim Impfen

Die neue Suchtklinik des Isar-Amper-Klinikums in Haar, Haus 30

Leere Plätze: In der Psychotherapie gibt es das Problem mit dem Schwänzen von Terminen schon seit Jahren.

(Foto: Florian Peljak)

Auch in psychotherapeutischen Praxen werden regelmäßig Termine geschwänzt. Anders als bei den Impfterminen ist es hier an der Zeit für Sanktionen.

Kommentar von Christina Berndt

Stell dir vor, es ist Impftermin, und keiner geht hin. Das passiert derzeit in Deutschlands Impfzentren leider allzu häufig. All jenen, die immer noch keinen Schutz gegen Covid-19 ergattert haben, treibt das zu Recht Tränen der Wut oder Verzweiflung in die Augen. Sie müssen unnötig länger warten, zum Teil wird kostbarer Impfstoff weggeworfen und die gesamte Impfkampagne wird verlangsamt. So ist der Ruf nach Strafen für Schwänzer nur allzu verständlich - und doch falsch. Denn Drohungen sind gewiss keine gute Strategie, wenn man möglichst viele Menschen zur Impfung bewegen will.

Und doch wären Sanktionen in einem anderen Bereich, in dem es ebenfalls um die Verschwendung raren Gesundheitsguts geht, enorm wichtig: in der Psychotherapie. Dort gibt es das Problem mit dem Schwänzen von Terminen nämlich schon seit Jahren, und die Folgen sind schwerwiegend. Seit 2017 schon müssen Psychotherapeuten und -therapeutinnen mit Kassenzulassung einen Teil ihrer Termine über die allen Versicherten zugänglichen Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen anbieten. Doch gerade jene Menschen, die über dieses anonyme System eine Therapiestunde erhalten, erscheinen in großer Zahl nicht; jeder dritte dieser Termine platzt.

Jede ausgefallene Stunde Therapie bedeutet für die Gesellschaft unnötiges Leid

Das ist für alle Patienten, die dringend einen Therapieplatz benötigen, ein Drama. Und das sind viel zu viele: Da es in den vergangenen Jahren versäumt wurde, angesichts des wachsenden Bedarfs den Ausbau von Behandlungsangeboten für die Seele voranzutreiben, müssen Patientinnen und Patienten oft monatelang auf Hilfe warten. Das Leiden verschlimmert sich in der Regel in dieser Zeit, es lässt sich umso schwerer behandeln, Therapien dauern am Ende länger. So werden umso mehr der raren Ressourcen verbrannt.

Die Therapiesprechstunde ist nämlich in der Regel nicht zu retten. In Arztpraxen warten immer Patienten, die spontan gekommen sind, darauf, dazwischengeschoben zu werden. Psychotherapiepraxen sind hingegen reine Bestellpraxen: Sie reservieren jeweils eine Zeitstunde für einen einzelnen Patienten. Eine nicht abgehaltene Sitzung bedeutet für den Therapeuten Honorarausfall - und für die Gesellschaft unbehandeltes Leid.

Das Miteinander der Menschen ist in letzter Zeit unverbindlicher geworden. In manchen Bereichen bedeutet dies einen Zugewinn an Lässigkeit und Freiheit, doch gerade wenn es um Hilfe für Kranke geht, ist Unverbindlichkeit schlichtweg unanständig. Wo Einsicht nicht hilft, sind deshalb Sanktionen nötig. Selbstverständlich kann man gerade bei Menschen mit psychischen Problemen nicht immer von Lässlichkeit oder Böswilligkeit ausgehen, wenn sie Termine versäumen - im Einzelfall wird es gute Gründe dafür geben. Doch in der Summe ist es wichtig, die psychotherapeutische Versorgung möglichst vieler Menschen sicherzustellen. Sanktionsmöglichkeiten wie die Bezahlung ausgefallener Sitzungen sind daher überfällig.

© SZ
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