Tabakindustrie Etwa 400 Millionen Dollar nimmt Malawi jedes Jahr aus dem Export von Tabak ein

Als "Green Tobacco Sickness" (GTS), Grüne Tabakkrankheit, bezeichnen heute auch die internationalen Konzerne selbst das unter Plantagenarbeitern verbreitete Leiden - British American Tobacco schreibt auf seiner Website: Obwohl der Stand der Forschung noch "begrenzt" sei, erkenne man ein mögliches Gesundheitsrisiko an - und empfehle Plantagenarbeitern, möglichst keine regennassen Blätter zu verarbeiten und grundsätzlich wasserdichte Schutzkleidung zu tragen.

Schutzkleidung? "Ja, die bekommen wir von Alliance One gestellt", sagt Charles Batison und verschwindet wieder kurz in seiner Hütte. Zurück kommt er mit einem Paar Einmal-Handschuhe aus Latex, wie man sie in einem deutschen Drogeriemarkt im Hunderter-Pack für rund fünf Euro bekommt. Alliance One erklärt dazu, die in Malawi angebaute Tabaksorte Burley habe einen vergleichsweise niedrigen Nikotingehalt, dennoch informiere man die Vertragsbauern über die Notwendigkeit, langärmlige Hemden zu tragen und nach der Arbeit die Hautpartien, die mit Tabakblättern in Berührung gekommen sind, zu waschen. Jeder Bauer erhalte jährlich "vier Paar Latexhandschuhe, vier Gesichtsmasken und zwei Stück Seife".

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Seit Plan International seinerzeit zusammen mit dem UN-Kinderhilfswerk Unicef die Zustände auf den Plantagen anprangerte, hat die malawische Regierung der Kinderarbeit wiederholt den Kampf angesagt - doch Kritikern zufolge werden Gesetze nur selten angewandt; die Praxis geht weiter, ein wenig verborgener als früher. Alliance One erklärt, man arbeite "aktiv" daran, Kinderarbeit aus der Lieferkette zu beseitigen, indem man die Vertragsbauern überwache und sie darin schule, ihre "Arbeitspraktiken zu verbessern". Der Zigarettenhersteller British American Tobacco teilt der SZ mit, man stelle gegenüber allen Zulieferern klar, "dass ausbeuterische Kinderarbeit nicht toleriert wird." Die Zwischenhändler Alliance One und Universal, von denen man malawischen Tabak kaufe, hätten ihrerseits "strenge Richtlinien".

"Grüne... wie? Tabakkrankheit?"

Wie die Regierung das Thema Gesundheitsrisiken bei der Tabakernte angeht, davon vermittelt ein Anruf im Gesundheitsministerium einen Eindruck. Charles Mwansambo, in Großbritannien ausgebildeter Kinderarzt, ist Leiter der Abteilung staatliches Gesundheitswesen. "Grüne... wie? Tabakkrankheit?" fragt er am Telefon. "Das ist uns nicht bekannt, dafür haben wir keine Kategorie. Schicken Sie mir eine E-Mail mit der genauen Bezeichnung, dann kann ich das mal für Sie googeln."

Und was sagt ein unabhängiger Mediziner zu dem Thema? Besuch bei John Chisi, Professor an der medizinischen Fakultät der Universität von Malawi und zugleich Vorsitzender der malawischen Ärztekammer. Ein kompakt gebauter Mann in grauem Nadelstreifenanzug; er empfängt am frühen Abend in seinem Büro, auf der Besuchercouch sitzen zwei weitere Männer. "Nun, ich bin Mediziner, aber auch Politiker", erklärt er zur Begrüßung, "da muss ich meine Worte gut abwägen." Chisi hat 2014 zum ersten Mal bei der Präsidentschaftswahl kandidiert, mit mäßigem Erfolg, aber nächstes Mal werde er es schaffen, da gibt er sich selbstbewusst. Und nun zu den medizinischen Fragen: "Grüne Tabakkrankheit, sagen Sie? In der seriösen Medizin brauchen Sie Beweise. Wie wollen Sie dieses grüne Was-Auch-Immer diagnostizieren? Über Antikörper im Blut?"

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Gesundheitsgefährdung durch Tabak sei nur beim Rauchen erwiesen, darauf beharrt der Professor, "und die Malawier rauchen nicht, weil sie schlicht kein Geld haben." Aber selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt doch, dass Kinder, die Tabak ernten, durch die Grüne Tabakkrankheit "besonders gefährdet" seien. "Ja, die WHO", sagt der Mediziner, "wissen Sie, jede Organisation hat doch eine bestimmte Agenda." Dann schaltet sich einer der beiden Männer auf der Couch in das Gespräch ein; er stellt sich vor als der politische Sprecher des Präsidentschafts-Anwärters John Chisi - und als Sohn eines malawischen Tabak-Großbauern. "Es mag ja sein, dass Leute Atemprobleme bekommen", sagt er, "aber dann eher von Pestiziden. Bei uns auf der Farm benutzen wir Traktoren, um Pestizide auszutragen, da kommt kein Arbeiter direkt in Berührung damit."

Sklaven des Systems - zusammen mit den Kindern

Kein Zweifel, der Tabak hat Malawi und seine politische Landschaft fest im Griff. Immerhin ruft die Regierung inzwischen Bauern dazu auf, sich von Monokulturen und Preisschwankungen unabhängiger zu machen und verstärkt Soja oder Erdnüsse anzubauen. Nachfragen dazu beantwortet das Landwirtschaftsministerium auch nach mehrmaliger Erinnerung nicht, dafür erklärt sich der Vorsitzende des Agrarausschusses im Parlament, Felix Jumbe, zu einem Gespräch bereit. Es sei ein Fehler gewesen, den Tabaksektor für Kleinbauern zu öffnen, sagt er; das habe sie "zu Sklaven des Systems gemacht, zusammen mit ihren Kindern."

Der Abgeordnete selbst hätte genug Land, um Tabak im großen Stil anzubauen, rund 300 Hektar, "aber ich wollte mich nie diesem System unterwerfen." Selbst rauchen tut er auch nicht - "es liegt schlicht nicht in unserer Kultur", sagt er, "wir lernen schon als Kinder, dass man das nicht tut." In der Tat, die Bestrebungen der Tabakkonzerne, in Afrika neue Kunden zu gewinnen (siehe Text "Arm und ausgeliefert"), tragen in Malawi bislang nicht allzu viele Früchte. Bei einer Reise durchs Land sieht man kaum Tabakwerbung und nur sehr vereinzelt Menschen mit einer Zigarette in der Hand.

Doch die "globale Nichtraucherlobby", wie Felix Jumbe sie nennt, tue dem Land auch keinen Gefallen. Denn wenn in Europa immer weniger Menschen Zigaretten kaufen - was wird aus den Einnahmen für Malawis Tabakbauern? "Wovon sollen unsere Leute die Schulgebühren für ihre Kinder zahlen?" Etwa 400 Millionen Dollar nimmt das Land jedes Jahr aus dem Export von Tabak ein - von dieser Abhängigkeit wird sich Malawi, wenn überhaupt, nur unter Schmerzen kurieren lassen. Felix Jumbe möchte deshalb das Gespräch nutzen, um einen Solidaritäts-Aufruf an die Menschen in Europa zu richten: "Rauchen Sie, in Ihren Ländern ist es doch so kalt. Es wärmt Sie, es ist gut für Sie. Tun Sie es für Malawi."

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