Ernährung Die Unsicherheit isst mit

Wie sehr schaden Weizenprodukte? Das ist eine offene Frage.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Quinoa ist gesund und Weizen macht krank? Ernährung ist weit komplexer. Forscher erkennen nur langsam die Mitspieler in diesem Geschehen. Der neueste unter ihnen: die Darmbakterien.

Von Berit Uhlmann

Noch vor 60 Jahren waren Ärzte ratlos, wenn Patienten wieder und wieder unter Bauchschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit, Kopfweh und depressiven Verstimmungen litten. Die Mediziner fanden einfach keine Erklärung für die Symptome, am Ende hielten sie die Klagen für Einbildung und wiesen ihre Patienten nicht selten in die Psychiatrie ein. Heute weiß man, dass nicht eine labile Psyche, sondern ein Nahrungsbestandteil Ursache des Leides war. Die Betroffenen vertrugen das im Getreide vorkommende Gluten nicht. Sie litten an einer Krankheit, die mittlerweile unter dem Namen Zöliakie anerkannt ist.

Der Rückblick, den die Erlanger Ernährungsmedizinerin Yurdagül Zopf auf dem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung in der Ludwig-Maximilians-Universität gab, zeigt, wie viel sich für Patienten mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten verbessert hat. Und doch ist die Ernährung noch immer ein Thema voller Irrwege, Unklarheiten und Übertreibungen. Allergien, Unverträglichkeiten, Reizdarm, Furcht vor Weizen, Fleisch, Zucker, chemischen Zusätzen: Vieles geht durcheinander, manches bewegt sich in Richtung Hysterie.

Auch die Wirkungen des Glutens sind längst nicht vollständig geklärt. Man weiß heute, dass Zöliakie-Patienten überempfindlich auf das Eiweiß reagieren. Ihre Darmschleimhaut entzündet sich, oft werden dabei Zellen zerstört. Dadurch können Nährstoffe nur schlecht aufgenommen werden, so dass nicht nur Verdauungsprobleme, sondern längerfristig auch ein Nährstoffmangel droht. Die Erkrankung lässt sich durch Bluttests und Darmspiegelungen nachweisen. Etwa 400 000 bis 800 000 Menschen sind in Deutschland betroffen. "Doch noch immer ist die Zöliakie ein Stiefkind der Medizin", sagt die Medizinerin Zopf: "Im Schnitt vergehen zehn Jahre, bis die Krankheit diagnostiziert wird." Auf der anderen Seite glauben enorm viele Menschen, dass Getreideprodukte ihnen generell nicht guttun. Bücher wie "Weizenwampe" oder "Dumm wie Brot" heizen die Überzeugung an. Prominente, die Getreide meiden, fungieren als Vorbild. Glutenfreie Nahrung ist längst ein Marketinginstrument geworden. Ist also doch vieles nur Einbildung?

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Yurdagül Zopf sieht immer wieder Patienten mit Magen-Darm-Problemen, bei denen die Tests auf Zöliakie oder Allergien nicht anschlagen. Verbannen die Betroffenen das Gluten aus ihrer Nahrung, verschwinden die Beschwerden. "Wir können diese Menschen nicht wie einst die Zöliakie-Patienten in die Psychiatrie stecken", sagt Zopf: "Sie haben ein Problem, wir verstehen es nur noch nicht." Mediziner und Ernährungswissenschaftler diskutieren derzeit, ob es eine Glutensensitivität gibt. Wie genau sie entsteht, oder wie man sie nachweisen kann, ist unbekannt. Ähnlich verhält es sich mit der Histaminintoleranz. Bis heute ist umstritten, ob die in Käse, manchem Gemüse, Rotwein, und Schokolade vorkommende Substanz tatsächlich für Symptome wie Hautrötungen, Kopf- und Bauchschmerzen verantwortlich ist. Dennoch sagt Zopf: "Wir müssen diese Patienten ernst nehmen."

Die Experten

Prof. Dr. Christian F. Rust, Krankenhaus Barmherzige Brüder, München

Prof. Dr. Yurdagül Zopf, Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Erlangen

Prof. Dr. Hans-Dieter Allescher, Zentrum Innere Medizin, Klinikum Garmisch-Partenkirchen

Denn lässt man die Betroffenen allein, beginnen sie auf eigene Faust zu experimentieren. Sie lassen ohne Notwendigkeit Teile der Nahrung weg und ersetzen sie mit Lebensmitteln, für deren Vorteil es keinen Nachweis gibt. Welche Auswirkungen das haben kann, ist nicht sicher zu sagen. Ernährung ist ein sehr komplexes Geschehen. Anders als all die Ratgeber suggerieren, ist längst nicht sicher bewiesen, wie die unzähligen Bestandteile der Nahrung auf die vielfältigen Körperfunktionen wirken. Auch die Verdauung und Verwertung der Nahrung ist ein hochkomplexer Prozess, in dem viele Faktoren eine Rolle spielen. Dabei rückt neuerdings ein weiterer, möglicherweise mächtiger Mitspieler in den Blick der Forscher: die Darmbakterien.

Billionen Bakterien leben im Verdauungstrakt des Menschen, zusammen bringen sie es auf ein Gewicht von 1,5 Kilogramm, erläutert Hans-Dieter Allescher, Gastroenterologe am Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Die Mikroorganismen helfen dabei, Nahrungsbestandteile wie Zellulose und Ballaststoffe zu verdauen. Indem sie den Darm dicht besiedeln, nehmen sie schädlichen Bakterien den Platz und tragen so zur Krankheitsabwehr bei.

Mittlerweile haben Forscher begonnen, nach Mustern in der Bakterienzusammensetzung zu suchen. Sie entdeckten typische Auffälligkeiten bei Menschen mit Darmerkrankungen, Übergewicht, Diabetes, Rheuma, Asthma, Depressionen, ADHS und weiteren Krankheiten. Fast scheint es, als seien die Mitbewohner tief im Bauch für unzählige Leiden verantwortlich. Doch Allescher rät zur Vorsicht. Bislang sieht man nur Zusammenhänge, man weiß aber nicht, was Ursache und Wirkung ist. Ist jemand depressiv, weil seine Darmbakterien die Aufnahme bestimmter Nahrungsbestandteile verhindern? Oder ist seine Bakterienflora verändert, weil sich der Erkrankte seit längerer Zeit unzureichend ernährt?

Sicher ist, die Zusammensetzung der Bakterien ist nicht für alle Zeiten festgesetzt. Sie verändert sich durch die Ernährung, die Umgebung und manche Medikamente. Deshalb ist auch nicht sinnvoll, die Ernährung für längere Zeit drastisch umzustellen und zum Beispiel ohne Grund jegliche Getreideprodukte vom Speiseplan zu streichen. Die Experten betonen: Solange keine Erkrankung diagnostiziert wurde, ist es immer noch das Beste, "sich möglichst normal zu ernähren".

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