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Synthetische Drogen:Neues Cannabis, neue Risiken

Modedroge 'Spice' verboten

Die Modedroge 'Spice' ist wegen erheblicher Gesundheitsrisiken in Deutschland verboten. 

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Sie heißen "Spice Gold", "Smoke", "Sense" oder "Yucatan Fire" und geben sich als Kräutermischungen aus. Tatsächlich sind sie mit synthetischem Cannabis getränkt - und scheinen riskanter als natürliches Marihuana.

Von Andrea Bannert

Cannabis ist eines der ältesten bekannten Rauschmittel. Nach Alkohol und Tabak liegt es in Deutschland auf Platz drei der meist gebrauchten psychoaktiven Substanzen. Der Hauptwirkstoff ist das Tetrahydrocannabiol (THC), das an spezielle Rezeptoren im Gehirn bindet.

Wie diese THC-Bindestellen funktionieren, hat die Wissenschaft in den vergangenen 20 Jahren herausgefunden. Mit ehrenhaften Absichten, denn Ziel ist die Entwicklung neuer Medikamente für die Behandlung von Krebs oder Multipler Sklerose. Tatsächlich haben der US-amerikanische Wissenschaftler John Huffman und Kollegen damit aber auch einen ganzen Industriezweig auf den Plan gerufen, der immer neue synthetische Cannabinoide herstellt. Bis sie verboten werden, vergehen Monate oder Jahre. Bis dahin können sie legal und relativ leicht über das Internet oder sogenannte Headshops erworben werden.

Das unterschätzte Problem: Die Designerdrogen wirken häufig stärker als natürliche Cannabinoide. JWH-018, unter anderem in "Spice" enthalten, soll beispielsweise vier Mal so stark sein - darauf deuten zumindest Versuche mit Mäusen hin. "Das psychoaktive Potential der verschiedenen synthetischen Cannabinoide ist sehr unterschiedlich und kaum bekannt", erklärt Ingo Kipke von der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD). "Davon abgesehen ist ihr jeweiliger Anteil in den Kräutermischungen nicht immer gleich, so dass sich die Wirkung nur schwer vorhersagen lässt. Wer künstliche Cannabinoide konsumiert, spielt freiwillig das Versuchskaninchen."

Cannabinoide haben allgemein eine entspannende und stimmungsaufhellende Wirkung. Bei manchen Konsumenten verstärken sich auch Sinneswahrnehmungen wie Sehen und Hören, andere zeigen ein gesteigertes Kommunikationsbedürfnis. Cannabis kann aber auch negative Effekte haben: niedergedrückte Stimmung, Unruhe, Angst, Verwirrtheit bis hin zu Panikreaktionen und Verfolgungswahn. Auch Herzrasen, Übelkeit und Kreislaufkollaps können unmittelbare Folgen sein.

Neue synthetische Cannabinoide verursachen neben diesen für Cannabis typischen Risiken unter Umständen auch schwere Vergiftungserscheinungen, wie eine Studie der Universität Freiburg herausfand. Dazu werteten die Forscher Daten der Giftnotzentrale Freiburg aus. Dort wurden zwischen 2008 und 2011 insgesamt 48 Patienten nach dem Konsum von synthetischen Cannabinoiden behandelt.

Untypische Symptome alarmieren Forscher

Alarmierend für die Forscher: Ein Teil der Betroffenen wies Symptome auf, die eher untypisch für den Konsum von Cannabis sind. Aggressives Verhalten, Krampfanfälle, Bluthochdruck, starke Übelkeit und Kaliummangel gehören dazu. Kalium ist wichtig für viele Körperfunktionen. Bei einem Unterangebot können Müdigkeit und Muskelschwäche bis hin zu Herzrhythmusstörungen auftreten.

Eine weitere Gefahr der Designerdrogen scheint ihr Suchtpotenzial zu sein. Spice und Co. machen stärker abhängig, vermuten die Wissenschaftler.

JWH-018 wurde 2009 in einem Eilverfahren verboten, seit Juli 2012 sind einige der synthetischen Cannabinoide, die unter anderem in "Spice" enthalten sind, dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Im November 2016 wurde das Gesetz verschärft und umfasst seitdem die Stoffgruppen aller synthetischen Cannabimimetika. Der Umgang mit diesen Stoffen ist in Deutschland seitdem verboten. Handel, Einfuhr, Durchfuhr, Verabreichung und Herstellen zum Handel stehen unter Strafe.

"Im Vergleich zu Cannabis ist der Konsum der wirkungsähnlichen Kunstdrogen in der Allgemeinbevölkerung zwar gering", so Kipke. Für viele seien "Spice" und Co. eine "Notlösung", wenn sie mal nicht an Cannabis herankämen.

© Süddeutsche.de/aba/mcs
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