Suizidprävention:Psychotherapie kann auch im Alter helfen

Wichtig sei, dass sich die Seelsorger bei den Senioren melden dürfen, denn "lebensmüde Menschen greifen nicht unbedingt selbst zum Hörer", sagt Lindner. Dass aktive Fürsorge gelingen kann, zeigte sich im Modellprojekt "Gemeindeschwestern plus", das im Mai abgeschlossen wurde. Bis Ende 2018 besuchten vierzehn Schwestern 3000 Hochbetagte in Rheinland-Pfalz, um sie zu Fragen der Gesundheit und Teilhabe zu beraten. "Wir erreichen damit viele Menschen, informieren, mobilisieren und befähigen Senioren ganz nach ihren Bedürfnissen, um auch weiterhin an der Gesellschaft teilzuhaben", sagt Frank Weidner, Direktor vom Deutschen Institut für Pflegeforschung. Das Institut hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Die allermeisten Senioren fühlten sich wohl mit den Hausbesuchen und möchten Weidner zufolge nicht mehr darauf verzichten.

Viele Betagte mit Suizidabsichten leiden unter einer Depression. "Wenn man Pflegepersonal und Hausärzte darin schult, depressive Symptome und auch Suizidalität bei Senioren wahrzunehmen, erreicht man sehr viel", sagt Lindner. Oft ist Niedergeschlagenheit kein Thema, weil sie von anderen Erkrankungen überschattet wird. Zwischen 4,6 und 9,3 Prozent der über 75-Jährigen hätten das Vollbild einer Depression, fand die Sozialmedizinerin Steffi Riedel-Heller von der Universität Leipzig heraus. Die wenigsten würden aber behandelt.

Medikamente und Psychotherapie - die Standardbehandlung gegen Depression - würden ihnen helfen. "Leider gibt es das Vorurteil, dass ältere Menschen so eingefahren seien, dass ihnen ein Besuch beim Psychotherapeuten nichts mehr bringe", so Riedel-Heller. Sie konnte jedoch anhand von Studien an über 60-Jährigen zeigen, dass Senioren auch auf eine Verhaltenstherapie ansprechen. Sie sind danach weniger niedergeschlagen, seltener depressiv und zufriedener mit ihrem Leben.

Apps sollen schwere Gedanken vertreiben und Lebensfreude zurückbringen

Senioren geraten allerdings meist überhaupt nur in Suizidfantasien, wenn sie sehr einsam sind. Wenn die Ehefrau stirbt, markiert das beispielsweise ein kritisches Lebensereignis, das die Spirale in Gang setzen kann. Deshalb hat Riedel-Heller gemeinsam mit anderen Kollegen ein Internetprogramm gegen die Trauerfalle im Alter entwickelt. "TrauerActiv" soll den Menschen zeigen, wie sie trotz des Verlustes wieder Lebensmut schöpfen. Pflegepersonal und Hausärzte könnten, so die Idee, die Betroffenen auf das Programm aufmerksam machen.

Sie lernen darin, kleine Aktivitäten, die ihnen Freude machen, wie mit dem Hund spazieren zu gehen oder bei der Familie anzurufen, zu pflegen. Ein Stimmungstagebuch soll zusätzlich helfen, Gefühle bewusster wahrzunehmen und zu reflektieren, was aufheitert oder betrübt. Das Programm basiert auf dem Prinzip der kognitiven Verhaltenstherapie. Derzeit werde die Wirksamkeit an Senioren überprüft, sagt Riedel-Heller. Scheu vor der Technik hätten diese kaum; es sei nicht schwer, Probanden zu finden.

In eine ähnliche Richtung denkt Annette Erlangsen. Sie hat eine App erfunden, die bei heftiger Todessehnsucht helfen soll, mit ein paar Klicks das Leben wieder in einem besseren Licht zu sehen. "Von jungen Menschen wissen wir, dass Fragen wie 'Was würde deine Familie sagen, wenn du dich jetzt umbringst?' helfen, den Suizid schließlich nicht auszuführen", sagt Erlangsen. Wer seinem Leben ein Ende setzen will, ist nämlich oft gefangen in einem Hin und Her und regelrecht ambivalent. An älteren Menschen hat die Dänin die App bisher aber noch nicht getestet.

Erfreulich erscheint Erlangsen in dieser Hinsicht ein neuer Trend aus Dänemark. Neuerdings gäbe es immer mehr sogenannte Männerhütten. Betagte Senioren verabreden sich ein- oder zweimal in der Woche, reparieren, bauen oder unternehmen etwas gemeinsam. "Mein Vater geht auch in so eine Männerhütte." Ein soziales Umfeld zu haben, ist die beste Medizin gegen Lebensverdruss im Alter. Deshalb sind die Suizidraten in Pflegeheimen Studien zufolge auch niedriger verglichen mit Gleichaltrigen, die zu Hause leben.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten. Grund dafür ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Eine Ausnahme sind Berichte, die das Leid der Angehörigen thematisieren, weil sie auch präventiv wirken können. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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