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Sucht:Wie Alkohol den Körper zerstört

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Die Leber kann schrumpfen, vernarben und den Boden für Krebsgeschwüre bilden. Das Herz kann aus dem Takt geraten und das Gedächtnis verheerend leiden. Ein Überblick über die Gefahren des Trinkens.

Von Nina Buschek

Man mag über die Vorteile des abendlichen Gläschens streiten. Doch in höheren Mengen ist Alkohol eindeutig ungesund. Ab welcher Dosis langfristige Organschäden drohen, kann niemand mit Sicherheit sagen. Ein Restrisiko für Leberzirrhose, Krebs und Gehirnzellenschwund steckt offenbar in jedem Glas. Ein Überblick über die häufigsten Organschäden durch Alkohol.

Leberschäden:

Jeden Tag strömen knapp 2000 Liter Blut durch die Leber. Was an Schadstoffen im Körper zirkuliert, bekommt sie ab. Die Leber trägt die Hauptlast beim Abbau von Alkohol. Ihre Enzyme zerlegen das Zellgift Ethanol in seine Bestandteile, bis nur noch harmlose Essigsäure und Kohlendioxid übrig sind. Dabei entsteht ein Zwischenprodukt, welches noch giftiger ist, als der Trinkalkohol selbst: Acetaldehyd.

Ab 40 Gramm Alkohol pro Tag, das entspricht zwei Halben Bier oder zwei Vierteln Wein, ist es wahrscheinlich, dass die Leber langfristig leidet. Bei Frauen genügt schon die Hälfte. Das zentrale Entgiftungsorgan des Körpers ist ausgesprochen anpassungsfähig. Zirkuliert viel Alkohol im Blut, schwillt die Leber an und erhöht ihre Abbaukapazität. Irgendwann bringen Gift und fehlgeleitete Zellsignale das Organ jedoch aus dem Takt. Die Leber spaltet zwar weiter Alkohol, vernachlässigt aber andere Aufgaben.

So stauen sich im Organ zum Beispiel Fettsäuren, die nicht mehr in die Gewebe transportiert werden können - die Leber verfettet. Lässt man den Alkohol konsequent weg, kann sich die Fettleber zurückbilden. Wer nachschenkt, riskiert einen dauerhaften Leberschaden.

Bei chronischem Alkoholkonsum geht Lebergewebe zu Grunde. Stattdessen wuchert Bindegewebe im Organ. Die Funktion der Leber schwindet schleichend. In frühen Stadien ist der Umbau theoretisch noch umkehrbar, später nicht mehr.

Das Endstadium des Leberschadens heißt Leberzirrhose. Die narbige Schrumpfleber arbeitet nur noch ungenügend. Stoffwechsel und Hormonhaushalt geraten durcheinander und dem Körper fehlen wichtige Eiweiße für die Blutgerinnung. Die knotige Narbenleber erhöht zudem das Risiko für Leberkrebs.

Blutungsgefahr

Die Leberzirrhose hat auch Auswirkungen auf den Blutkreislauf. Normalerweise fließt sauerstoffarmes Blut aus dem Verdauungstrakt auf dem Weg zum Herzen durch die Leber. Ist das Organ durch eine Zirrhose beschädigt, staut sich das Blut vor der Leber in der Pfortader. Der Blutstrom sucht einen alternativen Weg und fließt über Venen der Speiseröhre Richtung Herz.

Diese Blutgefäße wölben sich unter dem unvorhergesehenen Druck wie Krampfadern in die Speiseröhrenschleimhaut vor. Reißen die sogenannten Ösophagusvarizen - zum Beispiel beim Erbrechen - kann es lebensbedrohlich bluten.

Entzündungen und Krebs

Entzündungen der Bauchspeicheldrüse

Zwischen Leber und Milz passt redensartlich noch ein Pils. Tatsächlich liegt dort, in der Tiefe des Oberbauchs, eng an den Zwölffingerdarm geschmiegt, die Bauchspeicheldüse. Das zarte Organ produziert Verdauungssäfte sowie Hormone für den Zuckerstoffwechsel und reagiert besonders sensibel auf Alkohol.

Ab welcher Menge Alkohol die Bauchspeicheldrüse in Gefahr ist, kann niemand mit Gewissheit sagen. Fest steht: Wer jahrelang trinkt, riskiert, dass sich seine Bauchspeicheldrüse entzündet; der Arzt spricht von Pankreatitis. Wiederkehrende Entzündungsschübe hinterlassen Spuren am empfindlichen Gewebe. Gesunde Zellen sterben ab und die Bauchspeicheldrüse vernarbt.

Die Krankheit beginnt in der Regel schleichend, verläuft aber oft dramatisch. Starke Oberbauchschmerzen, Appetitlosigkeit und Erbrechen sind typische Zeichen einer chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung. Da die Drüse nur noch ungenügend Verdauungsenzyme an den Darm abgeben kann, drohen Nährstoffmangel und Gewichtsverlust. Der Stuhl ist fettig, voluminös und übelriechend. Verlegt das entzündete Organ die Gallenwege, färbt der Gallenfarbstoff Bilirubin die Haut gelb.

Weil die Entzündung die insulinbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört, entwickeln die Betroffenen die Symptome einer Zuckerkrankheit. Auf dem Boden der chronischen Entzündung kann Bauchspeicheldrüsenkrebs entstehen.

Eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung reduziert die Lebensqualität, kann zu Berufsunfähigkeit führen und verringert die Lebenserwartung. Tödliche Verläufe sind keine Seltenheit.

Krebs

Je mehr Hochprozentiges über Jahre die Kehle hinunter fließt, desto größer ist das Krebsrisiko. Alkohol schädigt die Schleimhaut von Mund, Kehlkopf, Rachen und Speiseröhre. Krebserregende Stoffe dringen leichter ins Gewebe ein. Da die Leber mit dem Abbau von Alkohol ausgelastet ist, zirkulieren mehr Giftstoffe im Blut. Zigarettenrauch begünstigt das Wachstum bösartiger Karzinome in Mund und Rachen zusätzlich.

Leberkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs sind klassische Spätfolgen langjährigen Alkoholkonsums. Die bösartigen Wucherungen entstehen auf dem Boden einer Leberzirrhose oder einer chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Auch für Brustkrebs, Dickdarmkrebs und Enddarmkrebs haben Studien einen Zusammenhang mit Alkohol belegt.

Schon 0,5 bis 2,0 Promille Blutalkohol - eine normalgewichtige Frau erreicht das mit zwei Gläsern Rotwein beim Lieblingsitaliener - hinterlassen Schäden am Erbgut der Darmschleimhautzellen. Aus entarteten Zellen kann später Krebs wachsen. Wer täglich mehr als einen Liter Bier trinkt, verdreifacht sein Risiko für Mastdarmkrebs gegenüber Abstinenzlern.

Herz- und Nervenschäden

Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche

Alkohol lässt den Blutdruck steigen und bringt das Herz aus dem Takt. Herzrhythmusstörungen und Herzrasen sind häufig die Folge eines Alkoholexzesses. Ärzte sprechen vom "Holiday Heart", wenn ein Patient nach einem feucht-fröhlichen Wochenende wegen akuter Herzrhythmusstörungen Hilfe sucht. Der Name beschönigt das Krankheitsbild, denn die Rhythmusstörungen können lebensbedrohlich sein.

Mit jedem Gramm Alkohol, das man im Laufe seines Lebens zu sich nimmt, steigt das Risiko für eine Herzschwäche. Kommt Bluthochdruck hinzu, erschlafft der Herzmuskel noch schneller. Das Herz verliert an Pumpkraft und droht zu versagen.

Nervenschäden

Das Spektrum möglicher Schäden am Nervensystem durch Alkohol ist groß. Das Zellgift lässt Neuronen sterben und das Gehirn schrumpfen. Alle höheren Denkleistungen sind davon betroffen: Die Kritikfähigkeit sinkt, das Gefühlsleben gerät außer Kontrolle, die Konzentration schwindet und das Gedächtnis lässt nach. Der intellektuelle Abbau kann bis zur Demenz fortschreiten.

Auch Gangunsicherheit oder Sprachstörungen sind mögliche Folgen des alkoholbedingten Nervenzellsterbens. Eine charakteristische Spätfolge schwerer Alkoholabhängigkeit ist das Wernicke-Korsakow-Syndrom mit Desorientiertheit, Bewegungsstörungen und völligem Gedächtnisverlust. Die gute Nachricht: Wenn man nicht mehr trinkt kann sich das Gehirn teilweise wieder erholen.

Die Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark leiden langfristig ebenfalls unter zu viel Alkohol. Schäden an den peripheren Nerven machen sich vor allem an den Beinen mit Schmerzen, einem unangenehmen Kribbeln oder Muskelkrämpfen bemerkbar.

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